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  • Überblick: Die Gewinner und Verlierer des Abwahlreferendums in Lima

    Kurz vor Ende der Auszählung der abgegebenen Stimmen lässt sich ein erstes Fazit des Abwahlreferendums am vergangenen Sonntag in der peruanischen Hauptstadt Lima ziehen. 40 Personen, die Bürgermeisterin und 39 Stadträtinnen und Stadträte standen auf den Abstimmungszetteln, zumindest Bürgermeisterin Susana Villarán selbst kann mit einem Erfolg rechnen – und bleibt vorausichtlich im Amt. Doch wie hinterlässt das Referendum Parteien, Institutionen und Personen? Ein Überblick.

    Limas Bürgermeisterin Susana Villarán de la Puente. Foto: Héctor Vinces / ANDINA.
    Bleibt Limas Bürgermeisterin: Susana Villarán de la Puente. Foto: Héctor Vinces / ANDINA.

    SUSANA VILLARÁN – Darauf, dass die Bürgermeisterin ihr Amt behalten kann, hätte vor einem Monat wohl noch niemand gewettet. Zu groß schien in den Umfragen der Abstand zwischen den Optionen „Si“ – für die Abwahl – und „No“. Sie hat gezeigt, dass sie erfolgreich ums politische Überleben kämpfen – und gewinnen kann. Einen Antritt zur Wiederwahl hat Villarán öffentlich ausgeschlossen – ob ihr dies die Bürgerinnen und Bürger Limas abkaufen, steht auf einem anderen Blatt. Sollte sie ihre Amtszeit aber mit Unterstützung der bislang oppositionellen christlichen Volkspartei (PPC) erfolgreich zu Ende führen, wären weitere politische Ämter (Kongress, Ministerium oder gar Präsidentschaft) durchaus im Rahmen des möglichen.
    Das von Susana Villarán gepflegte Image der „sauberen Hände“ wurde allerdings nicht nur durch die Angriffe des politischen Gegners, sondern auch durch manche Mittel ihrer Anhängerinnen und Anhänger dauerhaft beschädigt.Trotz ihres überraschenden Sieges muss Villarán bei Reformvorhaben in Zukunft wohl große Kompromisse eingehen, da es sehr unwahrscheinlich ist, dass die Fraktion ihrer Partei bei der Wahl zur Besetzung der abgewählten Stadträtinnen und -räte viele Sitze erreichen wird. Sie muss also mit den bisherigen politischen Gegnern zusammen arbeiten, wenn sie überhaupt noch etwas schaffen möchte. Das wird nicht einfach, da Lima – und da liegt noch eine weitere Herkulesaufgabe – durch die Kampagnen der vergangenen Monate politisch gespalten wurde.

    Castañeda erklärt einen Tunnel. Foto: ANDINA/Jorge Paz
    Luis Castañeda. Foto: ANDINA/Jorge Paz

    LUIS CASTAÑEDA – Bis zum Schluss betonte Limas vormaliger Bürgermeister, nichts mit dem Abwahl-Prozess zu tun gehabt zu haben, bis zum Schluss glaubte es keiner. Der Verbleib Villaráns im Rathaus wird Castañeda zweifelsohne als Niederlage angerechnet werden – die Zweite in Folge, nach seinem Scheitern bei der Präsidentschaftswahl 2011. Für die Unterstützer von Susana Villarán war der Abwahlprozess zudem ein Anlass, in Castañedas Vergangenheit nach Ungereimtheiten zu suchen – und zu finden. So bot der weiter schwelende Skandal um eine Scheinfirma (Comunicore), deren einziger Zweck die Veruntreuung städtischer Mittel gewesen sein soll, Castañedas Gegnern reichlich Angriffsfläche für Kritik. Auch schnitt der in der Öffentlichkeit wenig mitteilsame und deshalb als „el mudo“ (dt. „der Stumme“) bekannte frühere Bürgermeister nicht überragend ab, als die ersten zwei Jahre seiner Amtszeit mit denen von Susana Villarán verglichen wurden. Seltsam war auch das Verhältnis zu seinem Sohn, der für die PPC im Stadtrat saß – und nun abgewählt wurde. Die Episode zeigte vor allem, dass Castañeda jr. vor allem als „Sohn seines Vaters“ im Rat saß und dieser bereit war, die politische Karriere seines Sohnes für die eigenen Ambitionen zu opfern.

    Fuerza Social (FS) – Die Gruppierung stellt zwar weiter die Bürgermeisterin, ist aber stark geschwächt. Nach ihrer erfolglosen Teilnahme an der Kongresswahl 2011 verlor sie den Status einer Partei – nachdem ihre Kandidatinnen und Kandidaten bereits bei Regionalwahlen im Jahr zuvor Federn hatte lassen müssen. Nun werden die Hoffnungsträger von Fuerza Social, allen voran Vizebürgermeister Eduardo Zegarra, bis zur Neuwahl durch Mitglieder aus der dritten und vierten Reihe ersetzt – in vielen Fällen Mitglieder anderer Parteien, die von „Fuerza Social“ eingeladen worden waren. Bei der Neuwahl wird Fuerza Social wohl auch die meisten dieser Mandate verlieren, vielleicht sogar alle, wenn es nicht gelingt, über den Weg einer befreundeten Partei erfolgreich Kandidatinnen und Kandidaten zu platzieren. Ganz am Ende ist „Fuerza Social“ derweil nicht: Zahlreiche Führungspersönlichkeiten der Gruppierung haben demnächst viel Zeit – und in ihrer zweijährigen Amtszeit und dem Abwahlprozess politische Erfahrung sammeln können. Für die weitere Eigenständigkeit müsste Fuerza Social schon bald damit beginnen, Unterschriften für eine Neuregistrierung als Partei zu sammeln. Möglicherweise integriert sich Fuerza Social auch in die Partei des Bergbaukritikers und suspendierten Priesters Marco Arana, Tierra y Dignidad. Während der Anti-Abwahlkampagne stand die Partei an vorderster Front an Villaráns Seite.

    Partido Popular Cristiano (PPC) – Wohl kaum einer hat in den vergangenen Monaten so viel gewonnen wie die Partei von Dauerkandidatin Lourdes Flores Nano. Flores Nano, bei der Kommunalwahl 2010 Villaráns aussichtsreichste Gegenkandidatin, hat der Bürgermeisterin wiederholt öffentlich den Rücken gestärkt. Die PPC, eine der „stabilsten“ peruanischen Parteien, aber mit kaum Einfluss außerhalb der Hauptstadt, war schon immer gegen die Möglichkeit, Amts- und Mandatsträger vorzeitig abberufen zu können. Obwohl traditionell als Partei der Reichen und Wirtschaft verschmäht, verteidigte die PPC im Stadtrat Villarán nicht nur wegen ihrem Misstrauen gegenüber Abwahlverfahren, sondern stellte sich auch politisch hinter die gemäßigt linke Susana Villarán. Das hat für die Stellung der PPC wichtige Folgen: Villarán, die über keine eigene Mehrheit mehr verfügt, ist von der Partei abhängig, wenn sie im Rat etwas erreichen möchte. Zudem wird der Bürgermeisterin nichts anderes übrig bleiben, als wichtige Verwaltungsposten mit PPC-Sympatisantinnen und -Sympathisanten zu besetzen. Zudem kann sich die PPC als die staatstragende Partei gerieren, die Lima vor der Unregierbarkeit gerettet hat. Für Lourdes Flores Nano war die Abstimmung übrigens die erste, die sie gewann: Vor der Bürgermeisterwahl 2010 war sie bereits mehrfach bei dem Versuch gescheitert, Präsidentin zu werden.

    Werbung der Wahlbehörde ONPE. Foto: ONPE.
    Werbung der Wahlbehörde ONPE. Foto: ONPE.

    Die peruanischen Wahlbehörden – Die Wahlbehörde ONPE und das Wahltribunal JNE haben, ebenso wie das Personenstandsregister RENIEC im Verlauf des Abwahlreferendums keine gute Figur abgegeben. Termine wurden nicht koordiniert, Entscheidungen angefochten – und das Wahltribunal kam mehr als einmal in den Verdacht, eine der Optionen zu bevorzugen. Dass nun die Auszählung der Stimmen wieder weit länger dauert, als eigentlich geplant, war nach den vergangenen Wahlen zu erwarten. Sie stärken aber nicht das Vertrauen in das Abstimmungsergebnis. Der illegal mitgeschnitte Kommentar eines Abwahl-Befürworters, die eigenen Wahlbeobachter sollten bei der Stimmenauszählung noch „4% herausholen“, setzte dem ganzen nur noch die Krone auf.

    Lima – Die peruanische Hauptstadt profitierte von dem Abwahlreferendum zumindest in sofern, dass zahlreiche Altlasten -Stichwort „Comunicore“- aufgearbeitet wurden. Zudem muss Villarán nun breitere Bündnisse schmieden. Auch wurden im Zusammenhang mit den Kampagnen viele wichtige Themen auf die Tagesordnung gebracht. So gab es intensive Diskussionen über Alltagsrassismus, Geschlechterverhältnisse und die sozialen Folgen unilateraler Entscheidungen. Auch wurden Politik und Verwaltung in vielen Bereichen zum Handeln gezwungen. Zudem zwang das Referendum die Beteiligten dazu, in der Kommunalpolitik für mehr Transparenz zu sorgen – was eben auch ein gewisses Ausmaß an Öffentlichkeitsarbeit erfordert. Die Verluste waren aber größer: Das Referendum hat die Stadt zumindest im Blick auf die Kommunalpolitik gespalten, dies umzukehren wird keine einfache Aufgabe. Auch wurden auf den Druck hin viele Themen angepackt – der Wahlkampf band aber einen Großteil der Kräfte, die sonst für eine bessere Arbeit der Kommune aufgewendet hätten werden können. Zudem kommt Lima aus dem Wahlkampf nicht mehr heraus. Haben sich die nachrückenden Fuerza Social-Stadträtinnen und Stadträte eingearbeitet, steht bereits die nächste Wahl an, vor der sicherlich mit ähnlich harten Bandagen gekämpft werden wird.

    "Die Hoffnung ist Unterwegs" - Wahlkampfspruch der Regierunspartei APRA. Foto: D. Raiser
    „Die Hoffnung ist Unterwegs“. APRA-Wahlkampfspruch. Foto: D. Raiser / INFOAMAZONAS.

    APRA – Zu Beginn nicht dabei, übernahm die Partei des zweimaligen peruanischen Präsidenten Alan García gegen Ende eine Führungsrolle in der Abwahlkampagne. García selbst erhoffte sich offenbar einen Erfolg des Referendums, der möglicherweise zur  erneuten Wahl von Luis Castañeda geführt hätte. Ein möglicher Kontrahent bei der Präsidentschaftswahl 2016 wäre für ihn damit aus dem Rennen gewesen. Nun kann Castañeda zwar nicht sofort Bürgermeister werden, ist aber in der Öffentlichkeit beschädigt – für die APRA ein ähnliches Ergebnis. Mit der ausbleibenden Abwahl Villaráns erlitt die APRA zwar die zweite Wahlniederlage in Lima in Folge, konnte die Kampagne aber zur Reaktivierung ihrer lange vernachlässigten Basis nutzen – und einige Personen bekannt machen, die als Kandidatinnen und Kandidaten für die Neuwahl in Stellung gebracht werden können.

    Die Presse – Die politischen Kommentatoren der größten Medienkonzerne warfen sich mit voller Kraft für eine der beiden Optionen ins Rennen. Das ist für Kommentatoren in Peru nicht ungewöhnlich. Sie ließen sich aber wiederholt als Handlanger der beiden Lager instrumentalisieren und schreckten auch von unlauteren Methoden nicht zurück. Zudem blieben über Monate hinweg andere wichtige Themen auf der Strecke: Die Verabschiedung strengerer Umweltauflagen für Industriezweige wie den Bergbau oder die Fischerei, die Reform des Wahl- und Abwahlrechts, sowie anwachsende Probleme mit der inneren Sicherheit. Die veröffentlichten, von Umfrageinstituten erhobenen Tendenzen bestätigten sich aber -trotz aller Unterschiede und Schwankungen- am Ende.

    Peru – Das Land als Ganzes hat von den Konflikten rund um das Referendum sicher nicht profitiert, wurden doch selbst Politiker anderer Regionen und Städte genötigt, sich mit dem Thema zu befassen. Ein Referendum, das Peru als Ganzes kaum betraf, zog alle Aufmerksamkeit auf sich – während zahlreiche Ortschaften im Hochland und in den Regenwaldregionen im wahrsten Sinne des Wortes untergingen. Dennoch hatte der ganze Abwahl-Zirkuns ein Gutes: Absurde und/oder schlecht gemachte Gesetze und Regelungen werden in Peru häufig erst wahrgenommen, wenn sie die Hauptstadt Lima betreffen. Das ist nun geschehen. Eine Novellierung des Abwahl-Gesetzesrahmens erscheint heute wahrscheinlicher denn je. Der massenhafte Missbrauch einer eigentlich für extreme Ausnahmen gedachten Form direkter Demokratie in hunderten peruanischen Kleinstädten und Dörfern hatte bis heute -leider- zu keiner entsprechenden Debatte geführt.

     

  • Lima / Peru: Abwahl-Initiatoren kommen aus ihren Löchern

    Seit mehr als einem Jahr läuft nun bereits der Versuch, Limas Bürgermeisterin Susana Villarán per Referendum aus dem Amt zu treiben. Bislang war aber die Frage nicht geklärt, wer das ganze wirklich ins Rollen brachte. Nun kündigte ein peruanischer Kongressabgeordneter an, sein Mandat ruhen zu lassen, um sich ganz der Abwahlkampagne widmen zu können – und ist damit der erste Strippenzieher im Hintergrund, der sich ans Licht wagt. Nicht ganz freiwillig: Die Kampagne gegen Hauptstadtbürgermeisterin Villarán hat in den vergangenen Wochen stark an Fahrt verloren: Ein Verbleib der Menschenrechtlerin im Rathaus scheint nach aktuellen Umfragen wieder im Rahmen des möglichen.

    Limas Bürgermeisterin Susana Villarán de la Puente. Foto: Héctor Vinces / ANDINA.
    Limas Bürgermeisterin Susana Villarán de la Puente. Foto: Héctor Vinces / ANDINA.

    Schon lange war vermutet worden, dass José Luna Gálvez, Generalsekretär und Abgeordneter von Solidaridad Nacional (SN), der Partei von Villaráns Amtsvorgänger Luis Castañeda Lossio, die Kampagne gegen die Hauptstadtbürgermeisterin finanziell unterstützt, nicht zuletzt seit der Veröffentlichung illegal abgehörter Telefongespräche. Dennoch hatte seine Partei bislang versucht, ihren Namen aus der Abwahlkampagne heraus zu halten, wohl vor allem aus Angst, sich die Finger schmutzig zu machen – und aus Angst, nach der letzten Präsidentenwahl schon wieder eine wichtige Abstimmung zu verlieren. Man hielt sich nicht nur während der für das Referendum notwendigen Unterschriftensammlung, sondern auch im laufenden „Abwahlkampf“ mit offiziellen Empfehlungen und lautstarken Forderungen zurück. Auch Luis Castañeda Lossio, der in Peru den Spitznamen „El Mudo“ (dt. der Stumme) trägt und von Villaráns Abwahl profitieren könnte, machte seinem Ruf alle Ehre. Er lässt sich bislang kaum ein Wort über Villarán und das Referendum entlocken.

    Kommunalrechts-Spezialist Gutierrez Martínez ein Strohmann?

    „Adresse“ und Gesicht der Abwahl-Befürworter war bislang Marco Tulio Gutierrez Martínez, ein Rechtsanwalt mit jahrelanger Erfahrung in peruanischer Kommunalpolitik und -verwaltung. Seine Unterschrift steht unter den Anträgen, mit denen der ganze Prozess in die Wege geleitet wurde. Mit einer aggresiven „Villarán ineffizient“-Kampagne und Geschenken schaffte er es, ausreichend Personen zu mobilisieren, um vierhundertausend Unterschriften gegen die Bürgermeisterin zu sammeln und den Abwahl-Gedanken in großen Teilen der Stadt populär zu machen. Doch woran genau er die „Ineffizienz“ festmachte und warum ausgerechnet er das Referendum initiierte, konnte  Gutierrez Martinez nie überzeugend erklären. Der Verdacht, er sei lediglich ein Strohmann, stand deshalb von Beginn an im Raum. In den vergangenen Wochen wurde es aber stiller um den Juristen, dessen Versuche, Villaráns Unterstützer öffentlich zu diskreditieren zuletzt immer verzweifelter klangen.

    Parteien zerfleischten sich gegenseitig

    "Die Hoffnung ist Unterwegs" - Wahlkampfspruch der Regierunspartei APRA. Foto: D. Raiser
    Polterte: APRA-Partei. Foto: D. Raiser / INFOAMAZONS.

    Zunächst übernahm die APRA-Partei dessen Rolle als „Polterer“. Ein APRA-Mitglied griff die Hauptstadtbürgermeisterin, die von ihren Unterstützern als jene der Politik mit den „sauberen Händen“ präsentiert wird, frontal an: Es gebe „Indizien für Korruption“, so der Kongressabgeordnete Mauricio Mulder. In der Folge schalteten sich weitere Parteien ein: die christliche Volkspartei (PPC), stärkste Oppositionspartei im Rat der Stadt Lima, kündigte die Unterstützung Villaráns an, ebenso Perú Posible von Ex-Präsident Alejandro Toledo. Am Gesamtszenario änderte das wenig: Die Parteien zerfleischten sich gegenseitig – insbesondere APRA-Dauerspitzenkandidat und Ex-Präsident Alan García ging, wie auch Alejandro Toledo, beschädigt daraus hervor. Die Umfrageergebnisse änderten sich nur leicht – zu Gunsten Villaráns.

    „Positives Nein“ statt Defensive: Der Favre-Faktor

    Dann begann eine neue Abwahlkampf-Phase: Villaráns Anhänger starteten ihre Unterstützungskampagne. Auf riesigen Plakaten warben sie dafür, bei dem Referendum am 17. März mit „no“, also gegen die Abwahl zu stimmen. Die Plakate, die sich – mit leichten Abänderungen – zu einem Hit in den sozialen Netzwerken entwickelten, enthielten nicht mehr die defensiven Parolen, in die sich die Bürgermeisterin bis dahin hatte flüchten müssen. Vielmehr waren es positive Botschaften, wie  sich bekannte Persönlichkeiten die Zukunft Limas wünschen. Die Strategie dahinter stammt offenbar von einem brasilianischen Wahlkampf-Strategen und Spin-Doctor, der unter dem Pseudonym Luis Favre auftritt. In den Tagen darauf stiegen die mit Hilfe von Wahlsimulationen erhobenen Umfragen sprunghaft an – auch wenn weiterhin über 50% der Wahlberechtigten in Lima angeben, mit „Si“, also für die Abwahl Villaráns stimmen zu wollen.

    Hintermann tritt aus dem Schatten

    Marco Tulio Gutierrez Martínez wurde offenbar nicht mehr zugetraut, dieser Kampagne entgegen zu treten. Der logische Schritt: Seine Hintermänner müssen aus dem Schatten treten und die Kampagne selbst in die Hand nehmen. Der erste davon ist offenbar nun José Luna Gálvez: „Ich muss mitmachen und anführen und meine Basis unterstützen, darum habe ich […] meine Beurlaubung beantragt; seit heute bin ich […] für einen Monat beurlaubt“, so Luna Gálvez gegenüber dem Nachrichtensender RPP. Der kommende Monat wird zeigen, ob er den Meinungs-Umschwung aufhalten kann.

    Neuwahlen selbst bei Villarán-Abwahl nicht sicher

    Castañeda erklärt einen Tunnel. Foto: ANDINA/Jorge Paz
    Luis Castañeda Lossio, Zement. Foto: ANDINA/Jorge Paz.

    Dabei ist nicht einmal gesichert, dass im Falle einer Abwahl von Bürgermeisterin Villarán wirklich Neuwahlen angesetzt werden. Denn: Wird nur sie abgewählt, rückt Vizebürgermeister Eduardo Zegarra nach. Für eine Neuwahl müssten mindestens 14 Mitglieder des Rates der Stadt Lima abgewählt werden – von den 39, die neben Villarán auf den Referendums-Stimmzetteln stehen werden. Sollte das passieren, müsste auch ein prominentes Solidaridad Nacional-Mitglied um seine Wiederwahl in den Rat bangen: Luis Castañeda Pardo, Sohn von Ex-Bürgermeister Castañeda Lossio. Der Unterstützt die Abwahl dennoch – warum auch immer.

    Vielleicht kommen nach den Personen eines Tages ja auch noch die wirklichen Interessen hinter der Abwahlkampagne aus den Löchern. Limas Wählerinnen und Wählern wäre es zu gönnen. Und wenn sie sich dann trotzdem gegen Villarán entscheiden sollten, dann wegen der politischen Fehler, die diese zweifelsohne begangen hat.

  • Peru: Schlammschlacht um Abwahl von Hauptstadtbürgermeisterin Villarán

    Ein obskures Bündnis von opportunistischen Oppositionspolitikern, Schwarzmarkthändlern und enttäuschten Busunternehmern  schaffte Ende letzten Jahres in der peruanischen Hauptstadt Lima die Sensation: Sie sammelten 400.000 gültige Unterschriften und leiteten damit ein Referendum über den Verbleib von Hauptstadtbürgermeisterin Susana Villarán ein.

    Limas Bürgermeisterin Susana Villarán de la Puente. Foto: Héctor Vinces / ANDINA.
    Limas Bürgermeisterin Susana Villarán de la Puente. Foto: Héctor Vinces / ANDINA.

    Seit den ersten Januartagen läuft nun der Wahlkampf – und die Abwahl-Initiatoren sind sich nicht zu Schade für unbelegte Behauptungen, Lügen und Halbwahrheiten, um die Bürgermeisterin am 17. März aus dem Amt zu jagen. Villaráns Anhängerinnen und Anhänger aber ebenfalls nicht, obwohl sie nicht müde werden, die Politik der Bürgermeisterin als eine der „sauberen Händen“ zu präsentieren. Unterstützt wird Villarán, deren Abwahl nach aktuellen Umfragen recht wahrscheinlich ist, derweil sogar von politischen Gegnern. Und von einem brasilianischen Spin-Doktor, der sich Luis Favre nennt und vor der Präsidentschaftswahl 2011 als Kommunikationsberater daran mitwirkte, die Stimmung zu Gunsten des heutigen Präsidenten Ollanta Humala zu drehen.

    Abwahl-Initiatoren werfen Villarán „Ineffizienz“ vor

    Bevor in Peru Unterschriften für ein Abwahlreferendum gesammelt werden dürfen, muss zunächst ein Grund dafür angegeben werden. Der Vorteil für die Initiatoren: Dieser Grund muss nicht belegt sein. So lautet der Vorwurf gegenüber der Bürgermeisterin schlichtweg: Ineffizienz. Das stimmt zwar nicht, zeigt die Stadtverwaltung seit dem Amtsantritt Villaráns doch wesentlich bessere Haushaltsumsetzungswerte als zu Zeiten ihres Vorgängers, des möglichen Abwahl-Nutznießers Luis Castañeda. Aber der Vorwurf gab einerseits ein Gefühl in manchen Stadtteilen wieder, setzte Villarán doch zu Beginn sehr auf Bürgerbeteiligung, was ihr von kritisch gesinnten Kommentatoren als „reden statt arbeiten“ ausgelegt wurde. Andererseits blieb den politischen Gegnern Raum, während des Wahlkampfes noch weitere Gründe zu finden. Die APRA-Partei des früheren Präsidenten Alan García, selbst in Peru ein (dennoch immer wieder gewählter) Inbegriff der Korruption, wirft der amtierenden Bürgermeisterin -ebenfalls ohne Belege- zudem vor, die Stadtverwaltung in Sachen Korruption nicht im Griff zu haben: Es gebe „Indizien für Korruption“, erklärte der APRA-Kongressabgeordnete Mauricio Mulder vor wenigen Tagen gegenüber der Presse.

    Stadtverwaltung schlägt zurück

    Seit Anfang dieser Woche kämpfen offenbar auch die Anhänger der Bürgermeisterin mit solchen Mitteln. Die Stadtverwaltung selbst wies darauf hin, dass nach einem offenbar sorgfältig geplanten Brandanschlag auf einen erst kürzlich eingeweihten städtischen Kinderspielplatz ganz in der Nähe Graffiti entdeckt wurden, die zur Abwahl Villaráns aufriefen. Eher unwahrscheinlich, dass Abwahl-Initiator Marco Tulio Gutierrez den Brandanschlag verüben ließ, er ließ es sogar ausdrücklich dementieren. Aber ein gefundenes Fressen für das Rathaus. Dabei liefert eigentlich die Abwahl-Kampagne selbst schon genug Stoff, um schlecht von ihr zu sprechen. Reporter der Tageszeitung „El Comercio“ versuchten am Montag, mit Hilfe einer offiziellen Liste die größten Spender der Kampagne aufzuspüren – von denen einige sehr erstaunt darüber waren, darauf zu stehen.

    Im Gegensatz zu ihren Widersachern, die in Sachen Schmutzkampagne aus dem vollen schöpfen, sind der Bürgermeisterin allerdings enge Grenzen gesetzt. Denn: Wahlkampf aus dem Amt heraus ist in Peru nicht nur sehr unpopulär, sondern meist auch verboten; nach einer umstrittenen Entscheidung des peruanischen Wahltribunals selbst dann, wenn es um ein Abwahlreferendum geht. Wollen sich Bürgermeisterinnen oder Regionalpräsidenten für die Wiederwahl aufstellen lassen, müssen sie Monate vor der Wahl zurücktreten. Tun sie das nicht, sehen sich dem Vorwurf ausgesetzt, ihren Wahlkampf mit Steuergeldern zu finanzieren.  Das Sonderwahltribunal für das Referendum rief die Bürgermeisterin schon mehrfach zur Ordnung. Diese erklärte inzwischen, auf jegliche Aussagen zum Thema zu verzichten und zeigt sich stattdessen mit Stars und Sternchen bei der Einweihung städtischer Infrastrukturprojekte.

    Nicht nur Villarán: 39 Stadträten droht die Abwahl

    Susana Villarán ist dabei nicht die einzige, die sich dem Abwahlreferendum stellen muss. Auch die Namen von 39 Stadträten werden auf den Stimmzetteln stehen, darunter die von 18 Oppositionspolitikern. Spricht sich eine Mehrheit für die Abwahl von mindestens 14 Stadträten (einem Drittel der Ratsmitglieder) aus, würden Neuwahlen angesetzt. Übergangsweise würde wohl der erste Nachrücker von Villaráns inzwischen aufgelöster „Fuerza Social“-Partei das Amt übernehmen – ein Politik-Neuling, ohne große Erfahrung. Dafür müsste Abwahl-Initiator Marco Tulio Gutierrez aber ausreichend Wählerinnen und Wähler mobilisieren. Für eine erfolgreiche Abwahl müssen mindestens 50% aller Wahlberechtigten zur Stimmabgabe gehen. Wie wahrscheinlich es ist, dass dieses Quorum überhaupt erreicht wird, ist bislang nicht abzusehen, herrscht in Peru bei Referenden -im Gegensatz zu einer Wahl- doch keine Teilnahmepflicht. Auch ist nicht abzusehen, wie sich der Wahlzettel auswirkt, auf dem insgesamt 40 Kreuze gemacht werden können, für jede Person besteht die Wahl zwischen „Sí“ (Abwahl) „No“ (keine Abwahl) – und natürlich die einer ungültigen Stimme.

    Villaráns Fehler

    Auch viele derjenigen, die den Verbleib Villaráns im Rathaus eigentlich unterstützen, tun dies nicht ohne Kritik. So sprach sich die bei der Bürgermeisterwahl Ende 2011 nur knapp gegen Villarán unterlegene Lourdes Flores Nano zwar gegen die Abwahl aus, sparte aber nicht mit Kritik an der bisherigen Amtsführung. Und da gibt es durchaus Dinge zu bemängeln: Ihrem Team gelang es bislang nicht, die im Wahlkampf versprochene Bürgerbeteiligung praktisch so umzusetzen, dass Teilnehmerinnen und Teilnehmer  mit dem Gefühl zurück bleiben, etwas erreicht zu haben. Auch der zu Beginn als positiv bewertete Rückbau bei der Öffentlichkeitsarbeit stellte sich in mehreren Krisensituationen als Problem heraus  – beispielsweise bei den schweren Zusammenstößen bei der Räumung des La Parada-Großmarktes und dem Wassereinbruch in der Baustelle des „Vía Parque Rimac“-Projektes, in dessen Rahmen der Fluss Rimac untertunnelt wird. In beiden Fällen dauerte es mehrere Tage, bis die Stadt reagierte um klar zu machen, dass die Stadtverwaltung nur einen Teil der Verantwortung traf. Auch unterliefen der Stadt Planungsfehler, beispielsweise bei der Neugestaltung eines Strandbades und den Tarifen des Schnellbussystems „Metropolitano“. Alles Probleme, die, wie in Peru üblich, auch dann auf die Bürgermeisterin zurück fallen, wenn diese selbst keinerlei Kenntnis von den Arbeiten hatte.

    Reformversuche und Zufälle

    Auf der „Haben“-Seite steht dagegen Villaráns Mut, seit Jahrzehnten aufgeschobene Reformen anzugehen, die vor allem wegen ihrer enormen Wichtigkeit auch Gegner auf den Plan riefen: Die Neuordnung des öffentlichen Personennahverkehrs zu Lasten des bislang fast völlig unregulierten, informellen und teils mafiös organisierten „Combi“-Kleinbussystems, das Routen zu Gunsten des „Metropolitano“ aufgeben musste, der Umzug des „La Parada“-Großmarktes und die Entmachtung der Seilschaften von Ex-Bürgermeister Luis Castañeda Lossio. Diese Gegner sind es, die seit dem Amtsantritt Villaráns am 1. Januar 2011 ihre Abwahl vorantreiben. Dabei hatte vor ihrer Wahl Ende 2010 niemand die Kandidatin Villarán auf dem Schirm. Es sah so aus, als ob das Rennen zwischen PPC-Dauerkandidatin Lourdes Flores und Callaos Ex-Bürgermeister Alex Kouri ausgemacht werden würde. Als letzterer plötzlich vom zuständigen Wahltribunal disqualifiziert wurde, tauchte die heutige Bürgermeisterin wie aus dem nichts als Überraschungskandidatin auf.

    Sollte es Villarán und ihrem Team nicht mehr gelingen, auf mehr oder weniger sauberem Wege, die Stimmung zu drehen, wird es ihr ergehen wie Valentín Paniagua, der 2000 nach dem Sturz der Fujimori-Diktatur übergangsweise das Präsidentenamt übernahm: Die Wahl war eher dem Zufall geschuldet, während der kurzen Amtzeit wurden wichtige Reformen eingeleitet – und dennoch, oder vielleicht eher deshalb, schaffte er es nicht, trotz Kandidatur weiter im Amt zu bleiben.

    So verwundert es auch nicht, dass selbst Parteien, die das Abwahlreferendum ablehnen, bereits ihre Kandidaten für eine mögliche Neuwahl nominieren.

  • Verdacht der Vorteilsgewährung: Perus APRA suspendiert Ex-Justizminister Pastor

    Aurelio Pastor Valdivieso. Foto: congreso.gob.pe.
    Aurelio Pastor Valdivieso. Foto: congreso.gob.pe.

    Die peruanische APRA-Partei, bis Juli 2011 an der Regierung, hat den früheren Justizminister und Kongressabgeordneten Aurelio Pastor Valdivieso vorläufig von all seinen Parteiämtern suspendiert. Der Grund: Eine Provinzbürgermeisterin in seiner früheren Wahlregion San Martín war von einem Gericht wegen Diffamierung zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt worden – und Pastor Valdivieso soll ihr angeboten haben, für die Zahlung von 50.000 Nuevos Soles das Problem aus der Welt zu schaffen. Dafür, so geht es aus einem illegal angefertigten Mitschnitt eines entsprechenden Telefongesprächs hervor, bot er offenbar an, seinen verbliebenen Einfluss im peruanischen Wahltribunal zu nutzen. Vor der Suspendierung durch die APRA-Partei hatte bereits die Staatsanwaltschaft Ermittlungen aufgenommen.

    Bürgermeisterin weiter im Amt

    Die Provinzbürgermeisterin von Tocache, Corina de la Cruz Yupanqui, war Anfang September vom peruanischen Wahltribunal JNE durch ihren Vizebürgermeister ersetzt worden. So ist es im peruanischen Recht Fälle vorgesehen, in denen ein Bürgermeister oder Ratsmitglied rechtskräftig verurteilt wird. Ein Mitarbeiter der Schulbehörde von Tocache hatte de la Cruz Yupanqui vor mehreren Jahren angezeigt. Diese habe ihn in ihrem Radioprogramm „korrupt“ genannt ohne über Beweise zu verfügen, heißt es in der Klageschrift. Ein Zeuge bestätigte den Vorwurf gegen die heutige Bürgermeisterin, die Richter folgten dem Vorwurf des Klägers. Allerdings: die heutige Bürgermeisterin stritt den Vorwurf ab und legte Berufung ein, ein entsprechendes Verfahren ist noch immer anhängig und das Urteil bislang nicht rechtskräftig. Auch deshalb durfte sie Anfang der Woche wieder ihre Amtgeschäfte aufnehmen.

    Zweiter Korruptionsfall um Suspendierung von de la Cruz Yupanqui

    Ihr Einspruch vor dem Wahltribunal trug somit auch ohne den Einfluss des früheren Justizministers Früchte – und sie ging mit ihren Vorwürfen gegen Aurelio Pastor nicht nur zu den Ermittlungsbehörden, sondern auch an die Presse. Dabei hätte sich der frühere Kongressabgeordnete Pastor Valdivieso diesen Ausgang eigentlich denken können. Denn: Ende Oktober war die gelernte Journalistin Corina de la Cruz Yupanqui schon einmal an die Öffentlichkeit gegangen. Damals hatte sie ebenfalls den heimlichen Mitschnitt eines Gesprächs veröffentlicht. Es handelte sich dabei um den Austausch mit einem Richter, der ihr, „für 5.000 (US-)Dollar“ und eine zusätzliche „Extrazahlung“, anbot, die Richter des Wahltribunals zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Nur Stunden später musste der Richter seinen Rücktritt einreichen.

    Pastor: Vorwürfe sind Rache für Abwahlprozess in Lima

    Aurelio Pastor Valdivieso sieht sich dagegen als Opfer einer Kampagne. Er habe der Bürgermeisterin lediglich seine Dienste als Rechtsanwalt anbieten wollen, erklärte er über seinen Twitter-Account. Er vermutet hinter den Vorwürfen eine Kampagne der politischen Linken, mit der er sich während seiner Zeit als Minister überworfen hat. Diese wolle sich für das Abwahlverfahren gegen Limas Bürgermeisterin Susana Villarán de la Puente, sowie die Suspendierung des Kongressabgeordneten Javiér Diez Canseco rächen, so Pastor Valdivieso. Pastor Valdivieso gilt als Befürworter des Abwahlverfahrens.

    Schlechte Presse für APRA und Wahltribunal

        "Die Hoffnung ist Unterwegs" - APRA-Wahlkampfspruch 2006. Foto: D. Raiser / INFOAMAZONAS.
    „Die Hoffnung ist auf dem Weg“ – APRA-Wahlkampfspruch 2006. Foto: D. Raiser / INFOAMAZONAS.

    Auch wenn die APRA-Partei derzeit im peruanischen Kongress nur marginal vertreten ist, ist sie eine der wenigen Parteien des Landes, die über eine Basis verfügen. Mit Alan García Pérez stellte sie bereits zwei Mal einen Präsidenten und gewann sogar noch öfter Präsidentschaftswahlen – konnte auf Druck von autoritären Regierungen das Amt aber nicht immer antreten. Ihre heute sichtbarsten Köpfe – neben Pastor und García derzeit vor allem Mauricio Mulder – sind politische Schwergewichte mit viel Erfahrung. Dennoch umschwirrt die Partei häufig der Vorwurf der Korruption – weswegen sich derzeit eine eigene Kongresskommission mit der Aufarbeitung der vergangenen APRA-Regierung beschäftigt.

    Neben der APRA-Partei lässt der Fall aber auch das Wahltribunal JNE erneut in schlechtem Licht erscheinen, das in der jüngeren Vergangenheit wiederholt durch umstrittene Entscheidungen auf sich Aufmerksam gemacht hat.

  • Peru: Studentenproteste gegen Sendero Luminoso

    In mehreren peruanischen Städten sind gestern tausende Studierende auf die Straße gegangen, um gegen die Aktivitäten der MOVADEF-Bewegung zu protestieren, die als politischer Arm der Terrororganisation Sendero Luminoso angesehen wird. Die größte Kundgebung war nach Medienberichten die in der Hauptstadt Lima, wo insbesondere Studierende der San Marcos-Universität (UNMSM) zu einem „Friedensmarsch“ aufgerufen hatten.  Die älteste, durchgängig aktive Universität auf dem amerikanischen Kontinent war in den vergangenen Wochen wiederholt in die Schlagzeilen geraten, weil MOVADEF-Mitglieder, darunter der Rechtsanwalt von Sendero-Gründer Abimael Gúzman, innerhalb ihrer Einrichtungen Veranstaltungen abhielten.

    Beteiligung geringer als erhofft

    Nach Angaben der Veranstalter sollen sich über 3.000 Personen an dem Protestmarsch durch Limas Zentrum beteiligt haben – weniger als erhofft. Auch in Trujillo gab es Protestmärsche. Unterstützt wurden die Proteste von diversen Gruppen und Parteien, neben den regierenden Nationalisten (PNP) auch von der oppositionellen christlichen Volkspartei (PPC), und der APRA auch vom nationalen Menschenrechtskoordinationsrat (CNDDHH). Erst vor wenigen Monaten hatte die MOVADEF-Führung versucht, die Organisation als Partei zu registrieren – der entsprechende Antrag wurde vom Wahltribunal JNE aber abgelehnt.

    … und MOVADEF?

    Die MOVADEF-Bewegung spricht von politischer Verfolgung und verglich UNMSM-Rektor Pedro Cotillo, einer der Mitinitiatoren der Proteste, mit Joseph Goebbels. Mit „unverhohlenem Zynismus“ werfe dieser der Organisation vor, ihn zu bedrohen. Dies sei Ausdruck einer „reaktionären Politik“, er „lüge und lüge, auf dass etwas hängenbleibe“, so eine MOVADEF-Pressemitteilung.

    Regierung möchte Terror-Leugnung unter Strafe stellen

    Bei den Demonstranten konnte MOVADEF damit offenbar nicht landen: „Nie wieder Terror“ stand auf T-Shirts und Transparenten der Studierenden, darunter auch viele der Universitäten Federico Villarreal,  Ingeniería, Agraria, Guzmán y Valle La Cantuta und La Católica.

    Der Demonstrationszug war dabei auch eine Reaktion auf eine Gesetzesvorlage der peruanischen Regierung, die die Leugnung von Verbrechen des Sendero Luminoso unter Strafe stellen möchte. Gegner des Vorschlags forderten dagegen, MOVADEF und Sendero Luminoso politisch zu attackieren – ein Beispiel dafür wurde gestern gezeigt.

    Weitere Proteste geplant

    Für die kommenden Tage sind weitere Aktionen geplant: So rief in Cusco für den morgigen Donnerstag ein regionaler Gewerkschaftsbund zu Protesten auf, nicht nur gegen MOVADEF, sondern auch gegen den Begnadigungsantrag des peruanischen Ex-Diktators Alberto Fujimori.

    MOVADEF und der „alte“ Sendero Luminoso

    MOVADEF ist nach Ansicht von Experten eng mit dem „alten“ Sendero Luminoso verbandelt, der Anfang der 80er Jahre  in der Region Ayacucho im Umfeld des 1992 inhaftierten Universitätsdozenten Abimael Guzman gegründet wurde und Peru mit Angst und Terror überzog – und damit einen Konflikt auslöste, der nach Schätzungen der Wahrheits- und Versöhnungskommission (CVR) mehr als 60.000 Menschen das Leben kostete. Die heute noch aktiven Überbleibsel der Gruppe, die vor allem in den Tälern der Flüsse Apurímac, Éne und Mantaro ihr Unwesen treiben (SL-VRAE), hat sich nach Einschätzung des Journalisten Gustavo Gorriti, der seit Jahrzehnten über die Terrororganisation berichtet, von „Sendero“-Gründer Guzman losgesagt und keine Verbindung zu MOVADEF, Guzman selbst, dessen Befreiung MOVADEF fordert, nannte den SL-VRAE einmal „Söldner im Dienst der Drogenmafia“.

  • Peru: Mehrheit für Wahlrechtsreform zeichnet sich ab

    Die von der peruanischen Regierung angestoßene Wahlrechtsreform bekommt Unterstützung: Die Generalsekretäre von 6 im Kongress vertretenen Parteien haben sich gestern darauf geeinigt, das derzeit noch geltende personalisierte Verhältniswahlrecht, das in seiner peruanischen Form zu einer Schwächung der Parteien führt, aufzuheben.

    Der peruanische Kongress (Congreso de la República). Foto: D. Raiser / INFOAMAZONAS
    Der peruanische Kongress. Foto: D. Raiser / INFOAMAZONAS.

    Das geltende Wahlrecht sieht vor, dass in den Wahlkreisen Parteien je nach Bevölkerungszahl mehrere Kandidatinnen und Kandidaten aufstellen – und der Wahlkampf damit nicht nur zwischen Parteien, sondern auch innerhalb einer Partei selbst stattfindet. Zudem forderten einige der Parteichefs von der anwesenden Verfassungskommission des Kongresses Änderungen am geltenden Parteiengesetz, um für mehr Stabilität zu sorgen.

    Parteichefs gegen Genderquote

    Einen weiteren Vorschlag lehnten die Generalsekretäre von APRA, Perú Posible, Acción Popular, Alianza Por el Progreso, Unión por el Perú, sowie dem Partido Popular Cristiano allerdings einhellig ab: die von Premierminister Juan Jiménez vorgeschlagene Quotenregelung. Diese sieht vor Wahllisten immer abwechselnd mit Männern und Frauen zu besetzen. Damit sollte nicht nur dem relativ geringen Frauenanteil im peruanischen Parlament entgegen gewirkt, sondern auch den Befürwortern des personalisierten Mehrheitswahlrechts der Boden entzogen werden. Denn vergangene Initiativen zur Wahlrechtsänderung scheiterten vor allem daran, dass Frauen für gewöhnlich kaum auf aussichtsreiche Listenplätze kommen. Die bislang bestehende Möglichkeit, Kandidatinnen und Kandidaten aus dem unteren Teil der Wahlliste auszuwählen, bietet Kandidatinnen zumindest in der Theorie die Möglichkeit, trotz eines schlechten Listenplatzes gewählt zu werden. Auch werden die oberen Plätze gerne an wohlhabende Kandidaten vergeben, die viel Geld in den Wahlkampf investieren können – weswegen das geltende Wahlrecht 2011 beispielsweise dem Awajún Eduardo Nayap Kinin ins Amt verhalf.

    Kompromiss mit Gana Perú?

    Juan Jiménez Mayor, Perus Premierminister. Foto: Juan Carlos Guzmán Negrini / Andina.
    Für die Gender-Quote: Perus Premier Juan Jiménez. Foto: Juan Carlos Guzmán Negrini / Andina.

    Die Mehrheit im Kongress haben auch die sechs Parteien zusammen nicht, sollten sie sich aber mit der Regierungsfraktion Gana Perú auf einen Kompromis einigen können, der auch eine Antwort auf die Gender-Problematik enthält, ist eine Verabschiedung möglich.

    Peruanisches Parteisystem extrem zersplittert

    Das peruanische Parteiensystem ist -nicht nur, aber auch wegen des Wahlrechts- extrem zersplittert. Häufig sind Parteien nicht mehr als unverbindliche Wahlvereine, Ad Hoc-Koalitionen sozialer Bewegungen mit teils sehr unterschiedlichen Zielen oder Privat- oder Familienunternehmen, die mit dem klaren Ziel gegründet werden, nach der Wahl Kapital aus dem Amt zu schlagen – im wahrsten Sinne des Wortes. Als Kandidaten werden häufig Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens nomminiert, die keinerlei politische Erfahrung haben, aber ob ihrer Berühmtheit dennoch gewählt werden. Der Begriff „Familienunternehmen“ ist ebenfalls wörtlich zu nehmen – ein großer Teil der Parteigründer und heutigen Führungspersönlichkeiten der Präsidentenpartei PNP kommen aus der Familie von Präsident Ollanta Humala, sowie seiner Frau Nadine Heredia. Auch ist es nicht ungewöhnlich, dass Kongressabgeordnete während der Legislaturperiode die Partei wechseln (sp. „transfugismo„) – oder gar eine neue Gründen. Anläufe, dies per Gesetz zu unterbinden, sind bereits mehrere Male gescheitert.

  • Entscheidung über Verbleib von Bildungsministerin Salas fällt kommenden Donnerstag

    Perus Bildungsministerin Patricia Salas. Foto: Juan Carlos Guzmán Negrini / ANDINA.
    Perus Bildungsministerin Patricia Salas. Foto: Juan Carlos Guzmán Negrini / ANDINA.

    Gestern musste sie dem Kongress mehrere Stunden Frage und Antwort stehen, am kommenden Donnerstag werden die Abgeordneten über den Verbleib von Bildungsministerin Patricia Salas O’Brien im Ministerkabinett abstimmen. Gestern versuchte die Ministerin, ihr geplantes neues Lehrergesetz noch einmal zu erklären, die Kosten darzustellen, sowie die Behandlung von bereits verbeamteten Lehrern zu detaillieren. So sollen bereits verbeamtete Lehrerinnen und Lehrer direkt in höhere Positionen einsteigen können. Auf eine der 31 gestellten Fragen antwortete Salas, die Reform des Lehrergesetzes, das Anstellung, Aufstieg, Verbeamtung und Bezahlung von Lehrern regeln soll, werde 2013 rund 720 Millionen Nuevos Soles kosten und strikt nach Leistungskriterien erfolgen.

    Zudem nahm Salas Stellung zu dem Vorwurf, mit Conare-Sutep über Gehaltserhöhungen zu verhandeln, einer Fraktion innerhalb der Lehrergewerkschaft SUTEP, die der Movadef-Bewegung nahe stehen soll, die wiederum als politischer Arm der Terrororganisation Sendero Luminoso gilt. Die Ministerin schloss solche Verhandlungen kategorisch aus und erklärte, die Regierung sei nicht bereit, denjenigen entgegen zu kommen, die Terror verherrlichten.

    Javier Velásquez Quesquén, APRA. Foto: ANDINA/ Percy Hurtado.
    Javier Velásquez Quesquén, APRA. Foto: ANDINA/ Percy Hurtado.

    Die Opposition, insbesondere die (wenigen) Abgeordneten der ehemaligen Regierungspartei APRA ließen sich davon nicht überzeugen. Der APRA-Abgeordnete Javier Velásquez Quesquén verteidigte die unter der (APRA-)Vorgängerregierung ausgearbeitete Reform, die, so Velásquez Quesquén, das Leistungsprinzip noch stärker betont und warf der Ministerin vor, sich von der Lehrergewerkschaft treiben zu lassn. Die jetzige Reform dagegen sei ein „Sprung ins Leere“.

    Auch der AP-Abgeordnete Manuel Merino De Lama kritisierte die geplante Reform. Sie lasse das Personal der Schulverwaltung außen vor und bringe kaum Besserungen gegenüber den bisherigen Regeln, so Merino de Lama.

  • Peru: Regionalpräsidenten bald Regionalgouverneure?

    Der peruanische Kongress (Congreso de la República). Foto: D. Raiser / INFOAMAZONAS
    Der peruanische Kongress (Congreso de la República). Foto: D. Raiser / INFOAMAZONAS

    Die Verfassungskommission des peruanischen Kongresses beschloss gestern, dem Plenum die Umbenennung der „Regionalpräsidenten“ (presidentes regionales) in „Regionalgouverneure“ (gobernadores regionales) zu empfehlen. Der Grund: Mehrere Mitglieder der Kommission fürchten, durch den Begriff „Präsident“ würden mehrere Amtsinhaber zu der falschen Annahme geleitet, sie stünden mit dem Staatspräsidenten auf einer Ebene. Artikel 42 der peruanischen Verfassung gibt aber einen „Einheitsstaat“ vor, was, so der oppositionelle APRA-Abgeordnete Javier Velásquez Quesquén, sich auch in der Nomenklatur wiederspiegeln sollte.

    Grund für die Gesetzesvorlage, die von der Fraktion der Alianza por el gran Cambio (APGC) eingebracht wurde, waren die Pläne des vormaligen Regionalpräsidenten von Puno, Hernán Fuentes, dessen Regionalrat vor wenigen Jahren die Region Puno zur „autonomen föderalen Region Quechua Aymara“ erklärte, sowie die durch den Regionalpräsidenten von Cajamarca, Gregorio Santos, initiierte Entscheidung des dortigen Regionalrates, den Bergbau in Quellgebieten zu verbieten. Nach Ansicht ihrer politischen Gegner und konservativer Juristen haben beide damit ihre Kompetenzen überschritten – auch wenn sich das peruanische Verfassungsgericht zum zweiten Fall noch nicht äußerte. In jedem Fall soll durch die Umbenennung mehr Klarheit geschaffen und „jeder Verwechslung vorgebeugt“ werden, heißt es im Vorlagetext.

    Gegen den Vorschlag, für den immerhin die Verfassung geändert werden müsste, stimmten in der Verfassungskommission lediglich die Abgeordneten der ebenfalls oppositionelle Fujimoristen-Partei. Eine „politische Botschaft“ oder ein metaphorisches „Ohren-lang-ziehen“ reichten nicht aus, um eine Verfassungsänderung zu begründen, so der Fuerza 2011-Abgeordnete Juan José Díaz.

    Auch bei der praktischen Umsetzung könnte es zu Problemen kommen, denn es gibt bereits Regionalgouverneure. Diese sind allerdings keine gewählten Volksvertreter, sondern direkte Gesandte der Regierung unter Aufsicht des Innenministeriums.

    Regionalpräsidenten lehnen Vorschlag ab

    César Villanueva, Regionalpräsident von San Martín. Foto: RRPP Region San Martín.
    César Villanueva, Regionalpräsident von San Martín. Foto: RRPP Region San Martín.

    Bei den Regionalpräsidenten selbst traf die Gesetzesinitiative auf wenig Verständnis. Der Vorsitzende der Versammlung peruanischer Regionalregierungen (ANGR) und Regionalpräsident von San Martín, César Villanueva, bezeichnete gegenüber ANDINA, die Umbenennung als „irrelevant“. Sie trage nichts dazu bei, zu verhindern, dass sich Regionalregierungen als „Parallelregierungen“ zur Nationalregierung fühlen. Zudem sei die Gesetzeslage bereits jetzt ausreichend klar. Vielmehr, so der ANGR-Vorsitzende, sollten die Befugnisse der Regionalregierungen weiter ausgebaut werden.

    Hinweis:
    Der weitere Ablauf des Gesetzgebungsprozesses kann hier mitverfolgt werden.

  • Perus Kongress beschließt Gentechnik-Moratorium für 10 Jahre

    Das peruanische Parlament hat ein 10jähriges Gentechnik-Moratorium beschlossen. Damit ist über diesen Zeitraum hinweg der Import genetisch veränderter Organismen (OVM) für Anbau und Züchtung untersagt. Nicht verboten ist allerdings die Einfuhr von Lebens- beziehungsweise Futtermitteln und pharmazeutischen Produkten, die OVM enthalten. Auch die Einfuhr von OVM zu Forschungszwecken bleibt erlaubt. Während der kommenden 10 Jahre soll nun die Entwicklung der genetisch veränderten Organismen genauer beobachtet werden, um dann eventuell ein unbefristetes Einfuhrverbot einzuführen oder den Import freizugeben. Neben dem Moratorium beschlossen die Parlamentarier auch die Einrichtung einer Kommission, die sich mit Risikoevaluierung und -vorsorge im Gentechnikbereich beschäftigen soll.

    Einigkeit herrschte unter den Abgeordneten darüber, dass die peruanische Biodiversität geschützt und gefördert werden müsse. Kontrovers war allerdings die Länge des Moratoriums. So forderten die Unidad Nacional-Abgeordneten Raúl Castro und Juan Carlos Eguren einen kürzeren Zeitraum, da nach ihrer Einschätzung die Gentechnik zu niedrigeren Nahrungsmittelpreisen führe, so Castro. Auch die Regierungspartei APRA sprach sich für eine kürzere Laufzeit aus. Die Organisation „Perú Libre de Transgénicos“ hatte sich hatte sich für ein längeres Moratorium oder ein dauerhaftes Einfuhrverbot ausgesprochen.

    Das Gesetz im Wortlaut finden Sie auf dem Portal des Kongresses.

  • APRA unterstützt Pedro Pablo Kuczynski

    Die peruanische (noch-)Regierungspartei APRA hat zur Präsidentschaftswahl am kommenden Sonntag eine Wahlempfehlung für den konservativen Pedro Pablo Kuczynski abgegeben. Das berichtet der Nachrichtensender RPP unter Berufung auf APRA-Generalsekretär Jorge del Castillo. Zunächst habe man bis zur Stichwahl warten wollen, sich dann aber entschieden, den umfragenstärksten Kandidaten aus dem Spektrum der „demokratischen Kräfte“ zu unterstützen, so del Castillo. Damit wolle man „die Demokratie retten“ und das „Wirtschaftsmodell verteidigen“. In den vergangenen Tagen hatten auch die Kandidaten Luis Castañeda und Alejandro Toledo um eine Wahlempfehlung der APRA des amtierenden Präsidenten Alan García gebeten. Beide seien aber, so del Castillo, in den Umfragen „zurückgefallen“.

    Zunächst hatte die APRA-Partei mit der parteilosen Mercedes Aráoz selbst eine recht populäre Kandidatin. Diese zog aber ihre Kandidatur zurück, da Jorge del Castillo, der wegen Korruptionsvorwürfen gegen sein Kabinett vom Amt des Premierministers zurücktreten musste, nicht auf einen Platz auf der APRA-Kongressliste verzichten wollte.

    MEHR zu den Wahlen in Peru finden Sie im INFOAMAZONAS-Wahl-Spezial!