Rund sieben Monate nach Prozessbeginn ist Florindo Eleuterio Flores Hala, Anführer einer Teilfraktion der Terrororganisation Sendero Luminoso (dt. leuchtender Pfad) und bekannt als „Camarada Artemio“, Ende vergangener Woche von einem peruanischen Gericht zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Flores, der letzte verbleibende Anführer aus der ersten Generation von Sendero Luminoso, war Anfang 2012 von der Polizei schwer verletzt festgenommen worden, nachdem offenbar ein Teil seiner Anhänger auf die Seite der peruanischen Sicherheitskräfte übergelaufen war. Seine Sendero-Fraktion hatte zuletzt im Huallaga-Tal ihr Unwesen getrieben, gilt nun aber als weitgehend dezimiert.
Die Richter sahen im Falle von „Artemio“ die Tatbestände des besonders schweren Terrorismus, Drogenschmuggels, sowie der Geldwäsche als erwiesen an. Der Angeklagte selbst hatte während der Verhandlung insbesondere die Anklage wegen Drogenschmuggels und Geldwäsche stets von sich gewiesen, die Beweise wogen aber offenbar zu schwer. Im Gegensatz zur weiter aktiven VRAEM-Fraktion des Sendero Luminoso fuhr Eleuterio Flores neben dem Terrorismus auch die Strategie der politischen Eingliederung. So forderte er wenige Monate vor seiner Verhaftung in einem Interview einen Waffenstillstand und eine Amnestie. Auch hinter der Strategie, mit einer Bewegung namens MOVADEF den Weg hin zur Gründung einer eigenen Partei zu probieren, wird „Artemio“ vermutet. Vorsitzender von MOVADEF ist Alfredo Crespo, sein Anwalt und Ex-Verteidiger von Sendero Luminoso-Gründer Abimael Guzman.
Vor der Urteilsverkündung hatte der Angeklagte noch erklärt, er ziehe die Todesstrafe einer lebenslangen Haftstrafe vor, die einer Todesstrafe auf Raten gleichkomme. Die Todesstrafe wird in Peru aber derzeit nicht verhängt. Zur lebenslangen Haftstrafe hinzu kommt eine Geldstrafe in Höhe von 500 Millionen Soles für die zahlreichen Terrorakte und Morde an Polizisten, Staatsanwälten und Zivilbevölkerung.
Florindo Eleuterio Flores Hala kündigte an, in Revision zu gehen.
Wenige Wochen ist es her, dass peruanischen Sicherheitskräften ein Schlag gegen Teile der VRAEM-Fraktion der Terrororganisation Sendero Luminoso gelang und wichtiges Material sichergestellt wurde. Die Informationen dazu kamen offenbar von Informanten aus der Nähe – per Mobiltelefon. Das künftig zu Verhindern war wohl der Hintergrund für die Sprengstoffanschläge auf drei Telefonmasten gestern im Distrikt Huachocolpa (Provinz Tayacaja) in der peruanischen Andenregion Huancavelica, vermutet der peruanische Narcoterror-Spezialist Jaime Antezana in der Tageszeitung „Perú 21“.
Bei den drei Handy-Masten, von América Móvil Perú – Claro im Rahmen des Telefon- und Internet-Infrastrukturförderprogramms FITEL aufgestellt, handelte es sich um normale Mobilfunk-Infrastruktur. Sie wurde aber auch genutzt, so Antezana weiter, um den Kontakt zwischen Informanten und den Sicherheitskräften aufrecht zu erhalten. América Móvil Perú bestätigte inzwischen die zeitgleiche Zerstörung der Masten mit Hilfe von Dynamit.
Der Distrikt Huachocolpa wird zu den Tälern der Flüsse Apurímac, Éne und Mantaro (VRAEM) gezählt, die in Peru als Rückzugsort von Überbleibseln der Terrororganisation Sendero Luminoso, sowie als eines der Hauptanbaugebiete von Coca-Pflanzen für die Drogenproduktion gelten. Zudem war der peruanische Staat in den VRAEM lediglich marginal präsent.
In Vizcatán (Provinz Huanta / Region Ayacucho), im peruanichen Tal der Flüsse Apurímac, Éne und Mantaro (kurz VRAEM), haben peruanische Sicherheitskräfte offenbar ein Camp der Terrororganisation Sendero Luminoso ausgehoben und zerstört. Es soll sich dabei um ein Versteck von „Camarada Raúl“ gehandelt haben, der Nummer drei in der Hierarchie der VRAE-Fraktion des Sendero Luminoso. Es wurden Gerätschaften, Dokumente und persönliche Gegenstände diverser Sendero Luminoso-Mitglieder beschlagnahmt, die „Camarada Raúl“ gehört haben sollen, darunter sein Radio, Geschenke von Unsterstützerinnen und Unterstützern, USB-Sticks, Computerteile, sowie seine Gitarre.
Wie genau Polizei- und Militärkräfte von dem Terror-Camp erfuhren ist bislang nicht bekannt, allerdings wurden die Bewohner offenbar von den per Hubschrauber eingeflogenen 300 Einsatzkräften überrascht. Dennoch leisteten sie Widerstand, eine Frau aus ihren Reihen wurde dabei nach offiziellen Angaben getötet. Die meisten weiteren Camp-Bewohner konnten fliehen.
Das Tal der Flüsse Apurímac, Éne und Mantaro (VRAEM) ist in Peru als Rückzugsort eines Armes des Sendero Luminoso, sowie der Drogenmafia bekannt, die dort in großen Mengen Coca anbauen lässt.
Lage des Flusses Apurímac, später Éne. Grafik: D. Raiser / INFOAMAZONAS.
Peru, mit einer Fläche, die fast dreieinhalb Mal die Bundesrepublik Deutschland fassen würde, hat ein Problem: Viele Sozialprogramme und Dienstleistungen des Staates sind für die Ärmsten der Armen gedacht, kommen aber in besonders armen, abgelegenen Regionen überhaupt nicht an.
Die Lösung? Tambo San Juan de Yanacachi (4.045 m. ü. M.; Distrikt Ticlacayan / Provinz und Region Pasco). Foto: ANDINA.
Das erschwert die Arbeit, lohnt es sich doch für alte Menschen in manchen Landesteilen kaum, beispielsweise die Armengrundrente „Pensión 65“ zu beantragen. Denn: Diese beträgt zwar 125 Nuevos Soles pro Monat – wird aber bislang nur über die Filialen der Nationalbank (Banco de la Nación) ausgezahlt. In manchen Orten, beispielsweise Chapiza am Río Santiago, einem Zufluss des Marañón in der nordperuanischen Provinz Condorcanqui (Region Amazonas) nahe der Grenze zum Nachbarland Ecuador, kostet die Reise zur nächstgelegenen Filiale in der Provinzhauptstadt Santa María de Nieva mehrere hundert Soles. Ähnlich verhält es sich mit anderen Sozialprogrammen – und das, obwohl Condorcanqui die mit Abstand ärmste Provinz der Region ist.
Staat überzeugt bislang nicht
Ermittlungsarbeit nur mit dem Maultier: Polizeiposten Cocabamba (Provinz Luya / Region Amazonas). Foto: D. Raiser / INFOAMAZONAS.
Gleichzeitig siedeln sich in diversen Teilen Condorcanquis Goldschürfer an, um die Ufer des Marañón und seine Seitenarme illegal auf der Suche nach dem Edelmetall umzugraben. Die peruanische Regierung hat in den vergangenen Jahren ihr Vorgehen gegen den illegalen Bergbau verschärft und möchte erreichen, dass die Goldwäscher, zumindest grundlegende Umweltstandards einhalten und Steuern abführen.
Doch, wie so häufig im von informellem Wirtschaftstreiben sehr geprägten Peru, ist es nicht einfach, Menschen dafür zu begeistern und davon zu überzeugen. Denn: Vielerorts ist der Staat höchstens marginal präsent, im besten Fall durch gewählte Bürgermeisterinnen, Lehrer oder Gesundheitspersonal. Die -nicht nur- wegen ihrer geringen Mitarbeiterzahl chronisch überforderte peruanische Polizei kann in zahlreichen großen und schwierig zugänglichen Regionen lediglich stichprobenartige Einsätze organisieren, weil ihr für mehr die Mittel, die Ausrüstung und die Infrastruktur fehlen.
Coca-Bauern bislang ohne legale Alternative
Coca-Strauch. Foto: D. Raiser / INFOAMAZONAS.
Auch staatliche Fördermittel für den Hausbau oder die Grundbucheintragung von Häusern und Grundstücken können in vielen Regionen wegen fehlenden Wissens über deren Existenz und der großen Entfernung zu den Dienststellen der staatlichen Programme nicht abgerufen werden*. Ein Beispiel dafür ist die Region um Monzón (Provinz Huamalies / Region Huánuco), in der vor wenigen Tagen Perus Anti-Drogen-Zarin Carmen Masías (DEVIDA) öffentlichkeitswirksam erklärte, der Staat sei zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder in der „Coca-Bastion“ präsent. Die Gegend ist in Peru bekannt für die Coca-Produktion für die Herstellung von Kokain und ging im vergangenen Jahr wegen der spektakulären Festnahme eines seit Jahrzehnten gesuchten Terroristen, sowie ihm angeblich nahestehender Cocabauern-Verbandsführer durch die Presse. Auch deshalb steht sie seit Jahren im Zentrum von vor allem durch die USA finanzierten Coca-Vernichtungsaktionen.
Jede der vergangenen Regierungen in Lima hatte die Coca-Bauern dazu aufgerufen, die Coca-Pflanzungen zu Gunsten legaler Produkte aufzugeben und sich somit in den formellen Wirtschaftskreislauf einzuklinken. Aber der Anreiz dafür war gering: das Tal liegt -obwohl an einer Nationalstraße (14A) gelegen- fernab attraktiver Märkte, Polizei und Vertreter von Sozial- und Agrarförderprogrammen hatten keine festen Büros vor Ort. Wenn der Staat in Form der Antidrogenpolizei auftauchte, führte das zu brutalen Konflikten, bei denen in den vergangenen Jahren mehrere Cocabauern-Vertreter getötet wurden. Die legale Wirtschaft und der Staat boten – und bieten teils noch immer – keine gangbare Alternative.
Mit „Tambos“ in die Fläche
Mit First Lady bei Tambo-Einweihung: Präsident Humala. Foto: Prensa Presidencia.
Das soll sich nach Plänen der derzeitigen Regierung in den kommenden Jahren ändern. Nicht nur, dass der Bau eines Polizeipostens in Monzón bereits geplant ist. Vielmehr wurde ein Programm („Servicio de Apoyo al Hábitat Rural“) aufgelegt, das nach mythologischen Inka-Verwaltungszentren und -herbergen „Tambos“ benannt wurde. Im Rahmen des Programms werden in besonders abgelegenen Regionen im Einheitsdesign kleine Verwaltungszentren gebaut, die insbesondere Dienstleistungen der Nationalregierung, Fortbildungen, aber auch Finanzdienstleistungen der Nationalbank anbieten sollen. Seither sieht man Perus Präsident Humala, der 2013 zum „Jahr der Investitionen für die ländliche Entwicklung und die Ernährungssicherheit“ erklärt hat, mindestens einmal pro Woche einen solchen „Tambo“ einweihen.
VRAEM: mit „Tambos“ gegen den Narcoterror?
Eine Reihe solcher Gebäude wird derzeit auch in den Tälern der Flüsse Apurímac, Éne und Mantaro (kurz: VRAEM) errichtet, die andere prominente peruanische „Coca-Bastion“ neben dem Gebiet um die Flüsse Monzón und Huallaga. Das Kalkül dahinter: Einem dort im Bund mit der Drogenmafia agierenden Arm der Terrororganisation „Sendero Luminoso“ durch Unterstützung der Bevölkerung den Boden zu entziehen. Bisher war auch im VRAEM der peruanische Staat nur marginal präsent. Und dort, wo staatliche Einrichtungen vorhanden waren, ließ sich häufig kein Personal finden. Zu groß war die Angst vor dem Terror. Zu recht: Immer wieder gab es Anschläge auf öffentliche Einrichtungen, selbst Gesundheitzentren waren davor nicht sicher. Ob sich das mit dem „Tambo“-Bau verändern wird, muss sich noch zeigen.
Erfolgreiche Strategie?
DEVIDA-Chefin Carmen Masías. Foto: Presidencia.
Für Carmen Masías, Chefin der staatlichen Anti-Drogen-Behörde DEVIDA, ist das Engagement aber ein Zeichen dafür, dass „Niemandsland“ erobert wird, um der Bevölkerung zu helfen, aus der illegalen Coca-Wirtschaft herauszukommen. Auch wenn diese Sichtweise wahrscheinlich etwas zu optimistisch ist, gibt es erste Anzeichen, dass die Strategie zumindest mancherorts aufgeht: Zum ersten Mal gibt es seit kurzem im genannten Monzón-Tal keinen nennenswerten Widerstand mehr gegen die Coca-Vernichtungsarbeiten der Polizei, die erstmals vom peruanischen Staat mitfinanziert werden. Und auch zahlreiche Bürgermeisterinnen und Bürgermeister aus dem Umland von Monzón, bisher stets im Kreuzfeuer zwischen Coca-Bauern und Nationalregierung, verpflichteten sich, den Kampf gegen die Drogenmafia zu unterstützen.
Kein Allheilmittel
Bei dem ganzen Engagement in Krisenregionen darf allerdings nicht aus dem Blick geraten, dass es auch Regionen gibt, in denen kein Konflikt herrscht, die aber dennoch einer größeren Nähe staatlicher Institutionen dringend bedürfen. Regionen wie die Umgebung von Chapiza, wo bislang allerdings noch kein „Tambo“ in Aussicht ist. Andernorts wurden derweil die ersten eingeweiht: In Belén (Provinz Maynas / Region Loreto) und Chivay (Provinz Caylloma / Region Arequipa), bis 2016 will die peruanische Regierung insgesamt 500 Stück errichtet haben. Gleichzeitig sind die „Tambos“ kein Allheilmittel, Bürgerinnen und Bürgern dazu zu bringen, dem Staat zu vertrauen**. Aber die Einsicht, dass etwas kürzere Wege den Zugang zu seinen Dienstleistungen vereinfachen können, war ein wichtiger Schritt.
* Es sei darauf hingewiesen, dass in der peruanischen Presse zudem häufig noch auf den Faktor „Korruption“ hingewiesen wird.
** In der peruanischen, wie auch in der deutschen Presse ist immer wieder davon zu lesen, der peruanische Staat müsse „Vertrauen zurück gewinnen“. Die Frage ist allerdings, ob ihm -insbesondere in abgelegenen Regionen- jemals Vertrauen entgegen gebracht wurde.
Lage des Flusses Apurímac, später Éne. Grafik: D. Raiser / INFOAMAZONAS.
In mehreren peruanischen Städten sind gestern tausende Studierende auf die Straße gegangen, um gegen die Aktivitäten der MOVADEF-Bewegung zu protestieren, die als politischer Arm der Terrororganisation Sendero Luminoso angesehen wird. Die größte Kundgebung war nach Medienberichten die in der Hauptstadt Lima, wo insbesondere Studierende der San Marcos-Universität (UNMSM) zu einem „Friedensmarsch“ aufgerufen hatten. Die älteste, durchgängig aktive Universität auf dem amerikanischen Kontinent war in den vergangenen Wochen wiederholt in die Schlagzeilen geraten, weil MOVADEF-Mitglieder, darunter der Rechtsanwalt von Sendero-Gründer Abimael Gúzman, innerhalb ihrer Einrichtungen Veranstaltungen abhielten.
Beteiligung geringer als erhofft
Nach Angaben der Veranstalter sollen sich über 3.000 Personen an dem Protestmarsch durch Limas Zentrum beteiligt haben – weniger als erhofft. Auch in Trujillo gab es Protestmärsche. Unterstützt wurden die Proteste von diversen Gruppen und Parteien, neben den regierenden Nationalisten (PNP) auch von der oppositionellen christlichen Volkspartei (PPC), und der APRA auch vom nationalen Menschenrechtskoordinationsrat (CNDDHH). Erst vor wenigen Monaten hatte die MOVADEF-Führung versucht, die Organisation als Partei zu registrieren – der entsprechende Antrag wurde vom Wahltribunal JNE aber abgelehnt.
… und MOVADEF?
Die MOVADEF-Bewegung spricht von politischer Verfolgung und verglich UNMSM-Rektor Pedro Cotillo, einer der Mitinitiatoren der Proteste, mit Joseph Goebbels. Mit „unverhohlenem Zynismus“ werfe dieser der Organisation vor, ihn zu bedrohen. Dies sei Ausdruck einer „reaktionären Politik“, er „lüge und lüge, auf dass etwas hängenbleibe“, so eine MOVADEF-Pressemitteilung.
Regierung möchte Terror-Leugnung unter Strafe stellen
Bei den Demonstranten konnte MOVADEF damit offenbar nicht landen: „Nie wieder Terror“ stand auf T-Shirts und Transparenten der Studierenden, darunter auch viele der Universitäten Federico Villarreal, Ingeniería, Agraria, Guzmán y Valle La Cantuta und La Católica.
Der Demonstrationszug war dabei auch eine Reaktion auf eine Gesetzesvorlage der peruanischen Regierung, die die Leugnung von Verbrechen des Sendero Luminoso unter Strafe stellen möchte. Gegner des Vorschlags forderten dagegen, MOVADEF und Sendero Luminoso politisch zu attackieren – ein Beispiel dafür wurde gestern gezeigt.
Weitere Proteste geplant
Für die kommenden Tage sind weitere Aktionen geplant: So rief in Cusco für den morgigen Donnerstag ein regionaler Gewerkschaftsbund zu Protesten auf, nicht nur gegen MOVADEF, sondern auch gegen den Begnadigungsantrag des peruanischen Ex-Diktators Alberto Fujimori.
MOVADEF und der „alte“ Sendero Luminoso
MOVADEF ist nach Ansicht von Experten eng mit dem „alten“ Sendero Luminoso verbandelt, der Anfang der 80er Jahre in der Region Ayacucho im Umfeld des 1992 inhaftierten Universitätsdozenten Abimael Guzman gegründet wurde und Peru mit Angst und Terror überzog – und damit einen Konflikt auslöste, der nach Schätzungen der Wahrheits- und Versöhnungskommission (CVR) mehr als 60.000 Menschen das Leben kostete. Die heute noch aktiven Überbleibsel der Gruppe, die vor allem in den Tälern der Flüsse Apurímac, Éne und Mantaro ihr Unwesen treiben (SL-VRAE), hat sich nach Einschätzung des Journalisten Gustavo Gorriti, der seit Jahrzehnten über die Terrororganisation berichtet, von „Sendero“-Gründer Guzman losgesagt und keine Verbindung zu MOVADEF, Guzman selbst, dessen Befreiung MOVADEF fordert, nannte den SL-VRAE einmal „Söldner im Dienst der Drogenmafia“.
Eigentlich sollte das Gas aus dem Projekt Camisea Peru energetisch unabhänig machen. Tausende Autos wurden in den vergangenen Jahren teils mit staatlicher Förderung auf Erdgas umgerüstet, gigantische Gaskraftwerke gebaut und in der Hauptstadt Lima mit dem Bau fester Gasleitungen begonnen. Alfredo Dammert, ehemals Chef der Energie- und Bergbau-Aufsichtsbehörde OSINERGMIN, malte heute den Teufel an die Wand: Peru müsse sich auf häufige Stromausfälle einstellen, wenn die Regierung es nicht schaffe, die Gas-Pipeline in die Hauptstadt Lima zu sichern. Der Hintergrund: Anhänger der Terrororganisation Sendero Luminoso haben ihren Aktionsradius auf die Provinz La Convención in der peruanischen Region Cusco ausgeweitet – dort, wo das Gas gefördert wird.
Erinnerungen an die Zeit der Stromausfälle
Noch heute erinnern sich Limeninnen und Limenen an die 80er und 90er Jahre, als es in der peruanischen Hauptstadt zu Terroranschlägen des Sendero Luminoso (dt. leuchtender Pfad) kam, viele davon gezielt auf Strommasten, andere auf Polizeistationen, Banken, Lagerhallen, Geschäfte, Parteizentralen oder Rathäuser. Häufig waren ausgedehnte Stromausfälle die Folge. Der Abschlussbericht der Wahrheits- und Versöhnungskommission (CVR), der sich damit befasst, ließt sich beklemmend. Von Hunden, die -teils mit Hammer und Sichel bemalt- tot von Straßenlaternen herabbaumeln und von Menschen wie der Vizebürgermeisterin von Villa el Salvador (VES) María Elena Moyano und anderen Stadtteilvertreterinnen und -vertretern, die gleich dutzendweise grausam ermordet wurden. Das sind die Erinnerungen an die Zeit der Stromausfälle. Und diese neu zu schüren, war wohl einer der Hintergedanken der Terroristen, die am vergangenen Samstag auf dem Flugfeld von Kiteni in der Provinz La Convención drei Hubschrauber in Brand gesetzt haben.
Geht es Sendero doch nur um Geld?
Oder ging es vielleicht doch „nur“ um Schutzgeld? In der peruanischen Presse wird den Anhängern der Sendero Luminoso-Fraktion im Tal der Flüsse Apurímac, Éne und Mantaro (VRAEM), die nun offenbar eine neue Strategie fährt, nachgesagt, sich längst von ursprünglich maoistischen Zielen entfernt und zu einer Art Söldnerbande im Drogengeschäft entwickelt zu haben. Als Anfang April rund 40 Mitarbeiter des Camisea-Konsortiums als Geiseln genommen wurden und die Entführer ihre Geiseln nach einigen Tagen alleine zurück ließen, sprach die Regierung von einem Erfolg militärischen Drucks, während Beobachter darüber spekulierten, wie viel die Freilassung wohl gekostet haben möge. Die Forderung der Terroristen damals: 10 Millionen US-Dollar, Sprengstoff, Zünder, Handys oder Funkanlagen, sowie Kleidung.
Konsortium zieht Mitarbeiter ab
Der Brandanschlag am Samstag könnte also auch eine drastische Aufforderung zur Zahlung von Schutzgeld gewesen sein. Was auch immer der Hintergrund war: Teile des Camisea-Konsotriums ziehen bereits Konsequenzen. Die für die Pipeline zuständige Transportadora de Gas del Perú (TGP) kündigte heute an, ihre Operationen künftig von Malvinas und Quillabamba aus zu organisieren. Dabei geht es vor allem um Reparaturen an der Pipeline. Man sehe sich zudem nicht mehr in der Lage, in einigen Abschnitten für die Einsatzfähigkeit zu garantieren, so TGP in einer Pressemitteilung. Die drei Hubschrauber wurden von den TGP-Mitarbeitern für ihre Arbeiten genutzt. Auch Fedia Castro Melgarejo, Bürgermeisterin der Provinz La Convención, forderte einen besseren Schutz der Infrastruktur. Das größte Gasförderungsprojekt des Landes sei sonst in Gefahr, so Castro Melgarejo.
Regierung in Aufruhr
Obwohl es bislang keine terrorbedingten Stromausfälle gab, haben die Anschläge auch in Lima bereits für Chaos gesorgt, vor allem in der Regierung von Präsient Ollanta Humala. Denn die hat trotz der Präsentation einiger „Terror-Köpfe“ in den vergangenen Monaten offenbar noch keinen Weg und keine Strategie gefunden, den Quispe Palomino-Clan, der hinter der VRAEM-Fraktion des Sendero Luminoso steht, hinter Gitter zu bringen. Und 730 Kilometer Pipeline bieten reichlich Angriffsfläche.
SNMPE: Investieren weiter im Land
Vom Camisea-Konsortium selbst gibt es trotz der Anschläge bislang allerdings noch keine Stimmen, die auf einen Rückzug hindeuten. Vielmehr kündigte der Lobbyverband der Bergbau-, Mineralöl und Energiewirtschaft (SNMPE) an, seine Mitglieder werden weiter im Land investieren. Dafür, so der Verband, müsse der Staat aber die notwendigen Schritte ergreifen, die Sicherheit zu gewährleisten. Ohne dabei, was das Vorgehen gegen den Terror angeht, wie in den 80er und 90er Jahren in Exzesse zu verfallen, möchte man da anmerken.
NACHTRAG (11.10.2012): Sicherheitskräfte unterließen Bewachung offenbar auf Bitten von CAMISEA
Wie sowohl die peruanische Regierung, als auch das TgP-Konsortium gestern einräumten, wurde der Flugplatz offenbar auf Bitte des Konsortiums nicht von den peruanischen Sicherheitskräften überwacht worden. TgP befürchtete offenbar, dadurch erst zu einem Angriffsziel zu werden. Verteidigungsminister Cateriano erklärte gestern, das sei „unintelligent“ gewesen.
Lage des Flusses Apurímac, später Éne. Grafik: D. Raiser / INFOAMAZONAS.
Die Täler der Flüsse Apurímac, Éne und Mantaro (VRAEM) gelten noch immer als eine der peruanischen Regionen, in denen nicht nur in großer Menge Coca für die Drogenproduktion angebaut wird, sondern auch Überbleibsel der Terrororganisation Sendero Luminoso weiter ihr Unwesen treiben – wie zuletzt bei ihrem Angriff auf eine Militärbasis in Mazángaro. Eigentlich ein Grund, die Polizei in dieser Gegend besonders gut ausstatten – mehrere Berichte, die in den vergangenen Wochen veröffentlicht wurden, darunter einer des peruanischen Rechnungshofes, zeigen aber das genaue Gegenteil: Baufällige, prekäre und viel zu kleine Gebäude, verschimmelte Matratzen, undichte Dächer, Waffen aus der Zeit des zweiten Weltkriegs und unzureichende Kommunikationseinrichtungen. Nach scharfer Kritik aus allen Fraktionen kündigte Innenminister Wilfredo Pedraza nun an, die Kommissariate und Polizeiposten zu sanieren und die Ausstattung zu verbessern. Insgesamt 50 Millionen Nuevos Soles sollen dafür in die Hand genommen werden, um Infrastruktur, dem Klima angepasste Dienstkleidung, Gesundheitsversorgung und Fahrzeuge fit zu machen. Zudem sollen weitere Kommissariate, sowie eine große Polizeidienststelle in Pichari (Region Cusco) errichtet werden.
Bei einem Angriff von Terroristen auf die Militärbasis Mazángaro (Distrikt San Martín de Pangoa / Provinz Satipo / Region Junín) sind gestern Abend gegen 20:30 Uhr (Ortszeit) nach offiziellen Angaben mehrere Menschen ums Leben gekommen, darunter auch Soldaten. Genaue Zahlen lägen noch nicht vor, so das Verteidigungsministerium, in Presseberichten ist die Rede von bis zu fünf gefallenen Soldaten. Der Angriff ereignete sich offenbar, als eine Patroullie zur Militärbasis zurückkehren wollte. Die Kämpfe sollen mindestens bis Mitternacht angehalten haben. Benachbarte Militäreinheiten sollen zur Luftunterstützung gerufen worden sein.
Der Distrikt San Martín de Pangoa ist Teil der in Peru als „VRAEM“ (früher: VRAE) bekannten Flusstäler des Apurímac, des Éne und des Mantaro, die als eines der größten peruanischen Coca-Anbaugebiete für die Drogenproduktion und als Rückzugsort für Überbleibsel der Terrororganisation „Sendero Luminoso“ gelten. Bereits häufiger kam es dort zu Angriffen auf Militäreinheiten. Ob auch diesmal Sendero Luminoso hinter den Angriffen steckt, ist noch unklar, das Oberkommando der peruanischen Streitkräfte spricht lediglich von „verbrecherischen Terroristen“.
NACHTRAG: Oberkommando bestätigt fünf Tote
Inzwischen hat auch das Oberkommando der peruanischen Streitkräfte die Zahl von fünf Gefallenen bestätigt. Fünf weitere wurden verletzt und werden in einer Gesundheitsstation des Militärs behandelt. Auch auf Seiten der Terroristen soll es Tote gegeben haben, genaue Zahlen liegen hier allerdings nicht vor.
NACHTRAG: Einer der Toten aus der Region Amazonas
Einer derjenigen, die bei dem Angriff getötet wurden, war der Wehrdienstleistende Willians Tuesta Más. Der junge Mann kam aus dem Distrikt Chiliquín in der Provinz Chachapoyas.
Die peruanische Polizei hat elf Kinder im Alter von 2-7 Jahren befreit, die von Mitgliedern der Terrororganisation Sendero Luminoso festgehalten und indoktriniert wurden. Die Befreiungsaktion, die offenbar bereits am vergangenen Donnerstag stattgefunden hatte, ereignete sich in den als „VRAEM“ bekannten Täler der Flüsse Apurímac, Éne und Mataro, in der Provinz Pangoa in der Region Junín. Nach Schätzungen des peruanischen Frauenministeriums haben die Terroristen noch immer bis zu 200 Kinder in ihrer Gewalt, die sie ebenfalls zu Terroristen auszubilden planen. Die Terrororganisation Sendero Luminoso, zu Deutsch „Leuchtender Pfad“, überzieht schon seit Anfang der 80er Jahre Teile Perus mit Gewalt und Tod und ist für den größten Teil der rund 60.000 Toten des internen Konfliktes in den 80er- und 90er-Jahren verantwortlich.
Die befreiten Kinder sind derzeit in der peruanischen Haupstadt Lima, wo sie von Psychologen betreut werden. Es soll sich dabei sowohl um entführte und geraubte Kinder, sowie um Kinder der Terroristen selbst handeln. Bei dem Polizeieinsatz wurden auch mehrere Erwachsene verhaftet, ob diese freiwillig die Kinder bewachten oder dazu gezwungen wurden, wird derzeit noch ermittelt.
Lage des Flusses Apurímac, später Éne. Grafik: D. Raiser / INFOAMAZONAS.
Die peruanische Regierung hat ihren Aktionsradius im Kampf gegen Drogenproduktion und Terrorismus im Tal des Flusses Apurímac, später Éne, um das Tal des Mantaro-Flusses erweitert – und damit aus dem „VRAE“ das „VRAEM“ gemacht. Das VRAEM, unrühmlich bekannt durch die Drogenmafia und durch Überbleibsel von Sendero Luminoso-Terroristen, steht derzeit im Fokus der peruanischen Politik, die gerne durch mehr staatliche Präsenz die Abkehr von der Coca-Produktion, sowie das Ende des Sendero Luminoso erreichen möchte. Zudem wird versucht, die Coca-Bauern davon zu überzeugen, auf andere Feldfrüchte umzusteigen.
Fast täglich gibt es Meldungen über staatliche Institutionen, die erstmals an Orten des VRAEM Büros eröffnen, und Sonntagsreden über den Bau neuer Straßen, um den Marktzugang für alternative landwirtschaftliche Produkte zu ermöglichen. Ganz problemlos geht das allerdings nicht, wie in dem INFOAMAZONAS-Hintergrundartikel über Lage und Situation des VRAE (heute VRAEM) zu lesen ist. So kommt es noch immer zu Angriffen auf Militärbasen und Polizeistationen, Schulbehörden haben Schwierigkeiten, Lehrerstellen zu besetzen und hohe Preise für den Kokain-Grundstoff Coca erschweren die Versuche, Bauern zum Umstieg auf legale Produkte zu überzeugen. (mehr …)