Schlagwort: Wahlkampf

  • Fernsehduell der Präsidentschaftskandidaten: Kleine Überraschungen, wenig Neues

    In jedem Lehrbuch über praktischen Journalismus ist zu lesen, der erste Satz sei der wichtigste und müsse den Leser fesseln. Bei der gestrigen Fernsehdebatte der beiden peruanischen PräsidentschaftskandidatInnen Ollanta Humala (Gana Perú) und Keiko Fujimori (Fuerza 2011) gab es aber nichts fesselndes für den ersten Satz. In einem rhetorisch unterirdischen „Duell“ erwähnten beide noch einmal die Stichworte ihrer Kampagnen, ohne sie näher zu erklären und stachen sich gegenseitig in die bereits bekannten Schwachstellen. Entgegen aller Ankündigungen wurden auch diesmal wieder große Redeanteile vom Blatt gelesen und die Antworten auf Nachfragen des Kontrahenten oder der Kontrahentin schienen ebenfalls vorformuliert. Das wurde vor allem dann sichtbar, wenn die Antwort überhaupt nicht zur Frage passte.

    Die Strategie Keiko Fujimoris war, die wiederholten Anpassungen des Wahlprogramms von Gana Perú herauszustellen, um dann zu Fragen, welches denn im Falle eines Sieges gelte. Ollanta Humala dagegen ließ keine Möglichkeit aus, eine Verbindung zwischen Keiko Fujimori und ihrem wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Korruption verurteilten Vater Alberto Fujimori herzustellen.

    Ein paar kleine Überraschungen waren aber dennoch dabei. So scheint eine Person aus Fujimoris Umfeld endlich einmal den Abschlussbericht der Wahrheits- und Versöhungskommission (CVR) gelesen zu haben, den die Fujimori-Parteien bislang permanent als einseitig zu diskreditieren versuchten. So zitierte Keiko Fujimori die CVR-Forderung nach individueller und kollektiver Entschädigung der Opfer des leuchtenden Pfades und erklärte, es habe „leider auch [Menschenrechtsverletzungen] durch einzelne Mitglieder der Streitkräfte und der Nationalpolizei“ gegeben.  Ollanta Humala wies wiederholt darauf hin, dass trotz der wiederholten Distanzierung Fujimoris von den diktatorischen Auswüchsen der Regierung ihres Vaters zahlreiche Personen aus dessen politischem Umfeld Teil ihres Wahlkampfteams sind.

    Spanischsprachige INFOAMAZONAS-Leser können die wichtigsten Schlagworte der Debatte unter http://www.larepublica.pe/debate-elecciones-2011 noch einmal nachlesen. Hinweis: La República berichtet in diesem Wahlkampf im großen und ganzen unabhängiger als viele andere peruanische Medien (z.B. El Comercio), insbesondere die Meinungsbeiträge, sowie auch manche Informationsbeiträge sind klar Humala-freundlich.

    Statistik spannender als Duell

    Wer also vor dem Fernsehduell bereits eine gefestigte Meinung hatte, wurde darin wohl bestätigt, wer noch keine hatte, hat nichts neues erfahren. Interessanter als das Fernsehduell waren wohl eher die letzten Umfrageergebnisse vor der Wahl, die gestern veröffentlicht wurden, weil in der Woche vor der Wahl selbst bis zum Ende der Auszählung keine neuen veröffentlicht werden dürfen. Je nach politischer Linie des beauftragenden Medienunternehmens liegt wahlweise Keiko Fujimori oder Ollanta Humala ein paar Promille vorne. Wegen der Fehlerquote liegt aber ein Umfrage-Patt vor. Mehr weiß man dann am kommenden Montag.

    Jüngste Umfrageergebnisse:

    • IMASEN: Fujimori 42,5% / Humala 43,8% (der gesamt abgegebenen Stimmen)
    • CPI: Fujimori 44.6% / Humala 41.5% (der gesamt abgegebenen Stimmen)
    • Ipsos Apoyo: Fujimori 50,5% / Humala 49,5% (der gültigen Stimmen)
    • La Católica: Fujimori 44.2%  / Humala 43.7% (der gesamt abgegebenen Stimmen)
    • Datum: Fujimori 52,3% / Humala 47,7% (der gültigen Stimmen)

    Fehlendes auf 100%: Keine Angabe, ungültige Stimme, unausgefüllter Stimmzettel.

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  • Wahlen 2011: Toledo steigt in den Ring

    Alejandro Toledo. Foto: Perú Posible.
    Alejandro Toledo. Foto: Perú Posible.

    Der Ökonom und ehemalige Präsident Perus Alejandro Toledo wird für die Präsidentschaftswahlen 2011 antreten. Mit den Worten „Es gibt Zeit zuzuhören, Zeit nachzudenken, Zeit für Entscheidungen. Und es gibt Zeit zum Handeln – diese Zeit ist heute“ kündigte er auf seiner Facebook-Seite seine Kandidatur an.

    Der Schritt war schon lange erwartet worden, insbesondere da seine Partei „Perú Posible“ bereits seit einigen Monaten mit Radiospots für Toledo wirbt – allerdings ohne ihn explizit als Präsidentschaftskandidaten zu nennen. Alejandro Toledo selbst, derzeit an der Standford-Universität tätig, hatte aber stets betont, er habe noch keine Entscheidung getroffen.

    Perú Posible muss die Kandidatur noch formell durch eine Abstimmung absegnen. Es wird davon ausgegangen, dass es Parteiintern keinen Gegenkandidat geben wird.

    Alejandro Toledo leitet das „Centro Global para el Desarrollo y la Democracia“ und war Mitinitiator der Großproteste, die zum Rücktritt des peruanischen Diktators Alberto Fujimori geführt hatten, insbesondere der „Marcha de los Cuatro Suyos“. Unter seiner Regierung (2001-2006) wurde unter anderem mit den Verhandlungen über das inzwischen unterzeichnete Freihandelsabkommen (TLC) mit den USA begonnen.

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  • Limas Wahlkampf: täglich schmutziger

    Weniger als zwei Wochen bis zu den peruanischen Bürgermeister- und Regionalwahlen wird der Wahlkampf in der Hauptstadt Lima immer schmutziger. Unterstützt von den großen Medienunternehmen werden vorwiegend Lourdes Flores und Susana Villaran, die in den jüngsten Umfragen an erster Stelle stehen, abwechselnd Kontakte zur Drogenmafia oder zu linksradikalen Terrorgruppen unterstellt.

    Während der ehemaligen Dauer-Präsidentschaftskandidatin Lourdes Flores vorgeworfen wird, jeglichen Korruptionsverdacht gegen den derzeit amtierenden Bürgermeister Castañeda vertuschen zu wollen, sowie Kontakte zu dem Unternehmer Cesar Cataño, der in der peruanischen Öffentlichkeit permanent als Drogenbaron dargestellt wird (was er selbst abstreitet), zu unterhalten, Versuchen die Gegner der linksliberalen Susana Villaran (inklusive Lourdes Fores), diese als Kommunistin und Anhängerin des Venezolaners Hugo Chávez zu brandmarken.

    In den jüngsten Umfragen schaffte es Villaran dennoch, gegenüber der bereits sicher geglaubten Flores aufzuholen und das, obwohl Flores eigentlich der Opfer-Bonus hätte zufliegen müssen: In den vergangenen Tagen waren im Fernsehen, sowie im Radio Mitschnitte von Telefongesprächen der konservativen Lourdes Flores gespielt, kurze Zeit später dann in ihrem Telefonverteilerkasten ein Abhörgerät gefunden worden.

    Und während Flores von Links vorgeworfen wird, nur für die Reichen arbeiten zu wollen, werden von Rechts täglich neue Verbindungen zwischen Villaran und ehemaligen Linksterroristen erfunden, sowie der Vorwurf erhoben, mit ihr als Bürgermeisterin würden ausländische Unternehmen ihr Kapital abziehen.

    Obwohl der peruanische Präsident den letzten Vorwurf in einer Nachricht an ausländische Banken inzwischen abgeschwächt hat („Ein Triumph bei der Hauptstadt-Wahl bedeutet noch keinen Sieg auf nationaler Ebene“), verspricht der Wahlkampf in den wenigen noch fehlenden Tagen zum 3. Oktober 2010 mit härtesten Bandagen und zahlreichen Schlägen unter die Gürtellinie zu Ende zu gehen.

    Für den kommenden Präsidentschaftswahlkampf kein gutes Vorzeichen.

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  • "Schwalben-Wähler": Wohnortwechsel für den Wahlbetrug

    Dieser Tage begann RENIEC, die peruanische Institution zur Verwaltung des Personenstandsregisters, Unregelmäßigkeiten in der Häufigkeit von Wohnortwechsel nachzugehen. Der Zeitpunkt ist nicht zufällig gewählt, denn 2010 ist in Peru ein Wahljahr, auf lokaler, Provinz- und Regionalebene werden Bürgermeister, Gemeinderäte und Regionalpräsidenten bestimmt. Um einen solchen Posten zu erringen, haben findige Kandidaten ein – in Peru verbotenes – System etabliert, das unter dem Namen „Voto Golondrino“ bekannt ist, was auf Deutsch etwa Schwalben-Wählerstimme bedeutet.

    Schwalben-Wähler wandern in den Monaten vor der Wahl von einem Wahlkreis in einen anderen, um den dortigen Kandidaten oder die dortige Kandidatin zu unterstützen, ohne jedoch einen „echten“ Wohnsitz vor Ort zu haben. Gründe, bei einer solchen Aktion mitzumachen gibt es viele, der Nobelste ist noch, wenn die „Schwalbe“ an ihrem alten Heimatort den „richtigen“ Kandidaten unterstützen möchte. Andere sind Familienangehörige der Kandidaten oder erhalten Geld, Grundstücke oder andere Gefälligkeiten. Dafür müssen sie ihren Personalausweis, „Documento Nacional de Identidad“ (DNI), entsprechend ändern lassen. Bei den vergangenen Wahlen gab es zahlreiche Berichte über diese Art von „Schwalben“, in mehreren Fällen kam es im Anschluss an die Wahl zu Ausschreitungen, da andere Parteien Wahlbetrug vermuteten. So stürmten aufgebrachte Anwohnerinnen und Anwohner 2006 in Chalamarca (Prov. Chota / Reg. Cajamarca) den Sitz der provisorischen Wahlbehörde und zerstörten die Wahlurnen. Anschließend wurde auch das Gesundheitszentrum und das Rathaus besetyt. Die Wahlen mussten 2007 wiederholt werden.

    Besonders in kleinen Distrikten kann eine Horde Schwalben das Wahlergebnis stark beeinflussen. Gibt es nur wenige hundert Wähler, können sie durchaus ein Wahlergebnis ausmachen. Das zeichnet sich nun auch für die diesjährigen Wahlen ab. In 16 Distrikten hat RENIEC Untersuchungen eingeleitet. Zuvor war zwischen Juli 2008 und Juni 2009 – ein Jahr mit nur wenigen Wahlen – der Durchschnitt der Umzüge aus und in einen Distrikt erhoben worden. Damit verglichen die Statistiker die Wohnortänderungen von Juli 2009 bis Januar 2010 – und wurden überrascht. Um bis zu 80% hatte sich die Zahl der Wohnortänderungen in manchen Distrikten erhöht – für RENIEC-Chef Eduardo Ruiz Botto ein klares Anzeichen für „Schwalben“. Um ganz sicher zu gehen, wird nun in 16 Distrikten überprüft, ob die umgemeldeten Personen auch wirklich ihren festen Wohnsitz am Ort haben. Am 6. Juni werden dann die endgültigen Wählerlisten („Padrón Electoral“) festgelegt.

    Wird eine „Schwalbe“ entdeckt, wird ihr letzter Wohnortwechsel sofort außer Kraft gesetzt. Für den „Anstifter“ sieht der Artikel 359, Absatz 8 des peruanischen Strafgesetzbuches eine Haftstrafe zwischen zwei und acht Jahren vor. Die Distrikte mit dem höchsten vermuteten „Schwalben-Anteil“ liegen in Amazonas, Moquegua, Ancash, Arequipa und Huánuco.

    Insgesamt rund 12.000 „atypische“ Wohnortwechsel wurden bis Ende Januar registriert. Besonders „umzugsfreudig“ zeigte sich beispielsweise der Distrikt „Churuja“ (Prov. Bongará / Region Amazonas). Bei der Volkszählung 2007 wurden hier insgesamt 272 Personen registriert. Seit vergangenem Juli ist nach Angaben des RENIEC die Zahl der „Einwohner“ im wahlfähigen Alter um 249 Personen angewachsen. Im Distrikt San Cristóbal (Prov. Mariscal Nieto / Region Moquegua) stieg die Zahl der Wahlberechtigten im Untersuchungszeitraum um 518 Personen – eher ungewöhnlich für einen Distrikt, der vor der Untersuchung über 2.991 Wahlberechtigte verfügte. Ähnliches passierte auch in Cholón (Prov. Marañón / Region Huánuco, von 2.971 auf 3631) und Cahuac (Prov. Yarowilca / Region Huánuco, von 1.617 auf 2.019).

    Die Wahlen finden am 3. Oktober 2010 statt.

  • Wie kommt der Kandidat zur Partei (und umgekehrt)? Peruanische Vorwahlgeschichten I

    Im kommenden Jahr werden in Peru Regionalregierungen und Bürgermeister neu gewählt. In Peru ist die Parteienlandschaft extrem fragmentiert und personalisiert und die Basis der meisten Parteien nicht besonders fest verankert. Daher treibt der Wahlkampf auf lokaler Ebene oft seltsame Blüten. INFOAMAZONAS möchte ein paar wahre Geschichten der vergangenen und der kommenden Wahl vorstellen. Es sei darauf hingewiesen, dass es durchaus Parteien gibt, die über teilweise funktionsfähige Strukturen verfügen und eine verhältnismäßig breite Basis haben. Die Regel sind sie aber nicht.

    Kapitel 1: Wie der Kandidat seine Partei findet – und umgekehrt

    Eine Provinz im Norden Perus. Gegen Ende des Jahres soll ein neuer Bürgermeister gewählt werden. Die Wahl möchte eine bestimmte Partei gerne gewinnen, denn mit ihrem Kandidaten im Bürgermeisteramt – oder zumindest mehreren Kandidaten im „Consejo Provincial“, einer Art abgespecktem Kreisrat, sind nicht nur einige Parteikollegen für einige Jahre in Lohn und Brot gebracht, man kann auch wichtiges mitbestimmen. Unter „wichtiges“ fallen in vielen Fällen notwendige Maßnahmen für die entsprechende Provinz. In anderen Fällen fallen darunter aber auch Dinge wie die Asphaltierung einer Straße, die zufällig am Haus eines Kandidaten vorbeiführt. Oder ein gut bezahlter Arbeitsplatz für einen gute Bekannte.

    Am günstigsten wäre es da natürlich, wenn der lokale Parteiführer als Spitzenkandidat antreten würde. Eigentlich. Das Problem dabei ist, dass allein der Begriff „Politik“ in Peru eher als Schimpfwort verstanden wird und nicht, wie es beispielsweise der Politikwissenschaftler Rüdiger Robert definiert, als System, das Entscheidungen trifft, die für die Gesellschaft als Ganze von existenzieller Bedeutung sind. So suchen Parteien dann lieber eine Person, die bislang mit Politik nichts am Hut hatte und sich auf einem anderen Gebiet einen Namen gemacht hat.

    Es geht aber auch umgekehrt. Ebenfalls in Nordperu, diesmal in einem Distrikt, es geht um die Wahl des Bürgermeisters, auf Gemeindeebene. Ein engagierter Mensch möchte mit einem Grüppchen Vertrauter das Rathaus erobern. Wir unterstellen ihm zunächstmal noble Interessen: Bekämpfung der Korruption, Ausbau der Infrastruktur und dann noch der ganz allgemeine Wunsch „etwas für die Bevölkerung zu tun“.

    Es besteht für den engagierte Menschen und seine Freunde nun die Möglichkeit der Gründung einer Partei oder eines eigenen Wahlbündnisses. Das aber ist sehr kompliziert, langwierig und kostet auch einiges Geld. Die Sammlung einer Anzahl von Unterschriften ist dabei nur der erste Schritt. Eine günstige und vergleichsweise unkomplizierte Alternative ist da, sich eine Partei zu suchen, die im Distrikt bisher noch nicht existierte. Diese freut sich darüber, „ihre Basis zu verbreitern“, bietet einen mal mehr und mal weniger bekannten Namen und unterstützt vielleicht sogar noch den Wahlkampf mit Material und Unterstützungsbesuchen populärer Parteimitglieder.

    Ganz in der Nähe, ein kleiner Distrikt mit mehreren noch kleineren Teilorten. Ein Abgesandter der Regionalregierung geht von Haus zu Haus und fragt nach den angesehensten Personen des Distriktes. Der Vorsitzende der Bauernvereinigung wird häufig genannt. Auch der örtliche Friedensrichter taucht immer wieder auf. Der amtierende Bürgermeister wird von seinen Familienmitgliedern und Günstlingen mehrfach genannt. Am Ende liegt eine Person weit vor den anderen. der Abgesandte der Regionalregierung stattet ihm einen Besuch ab und bittet ihn oder sie, für die Partei des Regionalpräsidenten als Bürgermeister zu kandidieren. Geld sei kein Problem, man übernehme zudem einen Teil der Kosten des Wahlkampfes.

    2. Wie der Kandidat / die Kandidatin zu seinen / ihren Stimmen kommt.

    "Die Hoffnung ist Unterwegs" - Wahlkampfspruch der Regierunspartei APRA. Foto: D. Raiser
    „Die Hoffnung ist Unterwegs“ – Wahlkampfspruch der Regierunspartei APRA. Foto: D. Raiser

    In Peru herrscht Wahlpflicht, wer nicht an der Wahl teilnimmt, muss eine Geldstrafe bezahlen, überprüft wird das über einen Aufkleber auf dem Personalausweis. Wer nicht bezahlt, kann ist bis zur Bezahlung von bestimmten Behördenleistungen ausgeschlossen.

    Natürlich gibt es auch hier auf lokaler Ebene einen Wahlkampf, in dem alle Parteien versuchen, ihre Ideen bekannter zu machen. Radiospots werden geschaltet, Wände werden mit Namen, Farben und Nummern der Kandidaten und Parteien bemalt. So mancher Hausbesitzer freut sich, auf Kosten einer Partei, der er möglicherweise nicht sehr nahe steht, seine Wand gestrichen zu bekommen. Ganze Berghänge werden mit überdimensionalen Parteilogos überzogen – aus Farbe, aber auch aus angeordneten Steinen. In vielen Fällen gründen Kandidaten nur für ihren Wahlkampf sogar eigene Radio- oder Fernsehsender – interessanterweise häufig ohne Erfolg. Ist die Wahl gelaufen, wird der Sender dann weiterverkauft. Manchmal gehen Medienunternehmen auf Parteien zu, um „Komplettpakete“ zu verkaufen, die neben den normalen Werbeplätzen auch wohlwollende Interviews, sowie die Diffamierung von Gegenkandidatinnen und -kandidaten enthalten.

    Daneben gibt es noch andere „Möglichkeiten“. Manche sind auch aus Deutschland bekannt, beispielsweise von der Parteijugend, die für Senioren einen Fahrdienst zum Wahllokal anbietet. Daneben gibt es aber noch weitere, die besonders bei Distriktwahlen häufig zum Einsatz kommen.

    Ein Distrikt im Südteil der nordperuanischen Region Amazonas.  Der Bürgermeister des Distriktes möchte wiedergewählt werden. Seit der vergangenen Wahl sind einige seiner treuen Wähler in eine nahegelegene Stadt gezogen. Damit müssten sie eigentlich dort wählen, denn sie verfügen am Ort über keinen Wohnsitz mehr. Der Lösungsansatz des Bürgermeisters ist einfach, aber wirksam: Die weggezogenen sicheren Wähler bekommen von der Gemeinde ein kleines Baugrundstück geschenkt, wenn sie sich im Gegenzug wieder in der Gemeinde anmelden. Ob sie dann dort wohnen oder nicht, steht auf einem anderen Blatt.

    Aber auch der Gegenkandidat schläft nicht. Verliert ein Einwohner seinen Personalausweis oder läuft dieser ab, ist er sofort zur Stelle. Ein neuer Personalausweis bei Verlußt oder Diebstahl kostet 22 Nuevos Soles – für den Kandidaten ein Taschengeld für eine wahrscheinliche Stimme. Liegt die wahlberechtigte Bevölkerung unter 800 Personen, könnte diese Stimme die entscheidende sein.

    Und so melden sich oft Familienmitglieder oder Freunde von Kandidaten kurz vor der Wahl noch um, dass dafür sogar ein eigener Begriff und ein eigener Strafbestand eingeführt wurde: Voto Golondrino, Schwalben-Wählerstimme.

    Trotz allem: Der ganze „Einfallsreichtum“ der Kandidaten und Parteien kann auch nach hinten losgehen. Denn in Peru ist die Wahl geheim. Keiner kann später nachprüfen, ob die mit Geschenken bedachten Wähler das Kreuz bei der Wahl an der „richtigen“ Stelle gemacht haben. In besagtem Distrikt im südlichen Teil der Region Amazonas gibt es garantiert zahlreiche Personen, die dank des Wahlkampfes nun einen neuen Personalausweis und gleichzeitig ein neues Baugrundstück besitzen.